Unabhängiges Magazin für Wirtschaft und Bildung

27. Juni 2016

Search form

Search form

Burgenland kultiviert den Mythos Wind

Burgenland kultiviert den Mythos WindAnsdy Urban

Im Burgenland ist man stolz darauf, zwei Drittel des Strombedarfs durch Windräder abzudecken. Bei näherem Hinschauen entpuppt sich dies als Mythos. Der Strombedarf richtet sich nicht nach Aufkommen des Windes. Und in windstillen Zeiten müssen konventionelle Kraftwerke den Bedarf abdecken.

Die 200 Windräder auf der Parndorfer Platte decken rund zwei Drittel des burgenländische Strombedarfs, freut sich der Landesversorger Bewag, dem 138 dieser Windkraftanlagen gehören. Diese stolze Zahl hält aber der Prüfung mit der elektronischen Realität nicht stand, gibt man bei der Bewag offen zu. „Diese Zahl ist ein Rechenbeispiel. Die erzeugte Menge kann zwei Drittel des Landesbedarfs decken, aber in Wirklichkeit kaufen wir Wasserkraft beim Verbund zu“, sagt Bewag-Sprecher Gerhard Altmann. Ähnlich sieht das Christian Schönbauer von der Regulierungsbehörde E-Control: „Im Rekordsommer 2003 gab es in Österreich Verbrauchsrekord. Der Beitrag des Windes in dieser kritischen Versorgungsphase betrug null.“
Unterm Strich bleibt sogar ein negatives Saldo übrig. Um bei ungünstiger Witterung, also in windstillen Zeiten, nicht im Dunkeln zu sitzen, müssen für jene Erzeugungskapazitäten, die ein Wetterrisiko haben, Ersatzkraftwerke vorgehalten werden. Das hat seinen Preis: Die Kosten für die Reservehaltung bei den Kraftwerken und die kurzfristigen Notmaßnahmen (Engpass-Management) betragen zweistellige Millionen- Euro-Beträge, die auf alle Stromkunden abgewälzt werden. „De facto müssen mehr als 400 Megawatt an Reserve vorgehalten werden, das entspricht dem Zweieinhalbfachen des Kraftwerks Freudenau“, heißt es beim Verbund.
Aber der Wind verursacht noch weitere zusätzliche Kosten. Alle heimischen Stromkunden werden nämlich auch für die sogenannte Ausgleichsenergie zur Kasse gebeten. Insgesamt sind es 22 Millionen Euro im Jahr, der Löwenanteil davon entfällt auf den Wind. Diese Summe deckt die Kosten aus der Differenz zwischen dem am Tag davor erwarteten Windaufkommen und der Realität. Wenn der Wind weniger weht als prognostiziert, muss am Markt Energie zugekauft werden, was in Zeiten eines engen Marktes sehr teuer kommen kann. Was dazu kommt: für ein Megawatt Wind müssen zur Stabilität der Stromversorgung zehn MW an thermischer Kapazität vorgehalten werden, weil die Windkraftwerke nur auf 2.000 Volllaststunden kommen, sprich nur ein Drittel des Jahres weht der Wind stark genug.

Wind destabilisiert Netz
Probleme und zusätzliche Aufwendungen verursacht der stürmische Boom bei der Windenergie auch für das Hochspannungsnetz. Denn so gut der Wind ökologisch auch ist, so schlecht ist er fürs Netz: Die Windräder, die großteils im Norden Österreichs stehen, verschärfen das Problem des schon heute bestehenden Erzeugungsüberschusses von 1.900 Megawatt auf der Donauschiene, dem ein immer stärkerer Mangel in Südösterreich gegenübersteht. Dort fehlen 1.400 Megawatt Kapazität. Und weil die innerösterreichischen Höchstspannungsleitungen fehlen, kann sich dieses Ungleichgewicht nicht auf natürlichem Wege einpendeln. Zum Ausgleich muss der Netzbetreiber Sondermaßnahmen treffen, etwa die kalorischen Kraftwerke in Kärnten und der Steiermark hochfahren, wenn der Wind im Norden kräftig weht.
Und weil die rund 700 Megawatt Windenergie regional in Ostösterreich konzentriert sind, wirken sie auf das Stromsystem wie ein einzelnes Großkraftwerk, erläutert die AGP (Austrian Power Grip), die österreichische Netzgesellschaft (Ausnahme Tirol und Vorarlberg). Schönbauer von der E-Control zeichnet folgendes Szenario: Wenn die Entwicklung beim Wind so weitergeht, dann müssen die am billigsten produzierenden Wasserkraftwerke an der Donau vom Netz genommen werden, damit die Windkraft Platz im Netz hat.

Verlockende Renditen
Als Auslöser des Booms orten Experten die hohen Renditen, die sich mit Windkraftanlagen erwirtschaften ließen. Die Folge: Die ökologisch getriebenen Pioniere der 90er Jahre wurden durch kühl kalkulierende Manager mit dem Rechenstift verdrängt. Und auch die angestammten Energieversorger haben ihre Vorliebe für den Wind entdeckt: Kein Wunder, waren die Vergütungen doch doppelt so hoch wie der Marktpreis für Strom, dazu noch auf 13 Jahren garantiert. Die Folge davon war die sprunghafte Zunahme bei der installierten Windleistung. Waren 2002 erst 139 MW am Netz, waren es im August 2005 schon 864 Megawatt. Bis Sommer dieses Jahres werden in Österreich 615 Windräder mit einer Leistung von 923 MW stehen.
Aber seit der Novelle des Ökostromgesetzes (2004) hat sich die Investionslust vieler Windkraftbetreiber verfl üchtigt. Sie suchen nun ihr Glück im Ausland: Raiffeisen Leasing, die fünf eigene Anlagen in Österreich und 100 MW Leistung fi nanziert hat, hat ein Projekt in Tschechien fixiert, ein zweites Windkraftprojekt in Griechenland wird gerade endverhandelt.

Clemens Rosenkranz, Economy Ausgabe 999999, 06.03.2015