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22. November 2017

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Wenn die Gier sich selbst frisst

Wenn die Gier sich selbst frisst© piqs.de/robert vega

Der globale Finanzcrash hat ein Schreckensszenario für alle Jünger des freien Marktes heraufbeschworen: Ist der Kapitalismus am Ende? Dreht sich die Geschichte zurück? Ist Geld am Ende gar ein Fetisch?

Die brennende Frage, wie die Finanzwelt der Zukunft ausse­hen wird, stellen sich heutzu­tage nicht nur verlustgeplagte Investoren, größenwahnsinnig gewordene Sparkassendirek­toren und gerichtsanhängige Investmentbanker voller Sor­ge. Man ringt nun sogar schon nach Erklärungen abseits der üblichen Wege. Der deutsche Finanzminis­ter Peer Steinbrück (SPD) hat­te in einer schwachen Minute öffentlich zugegeben, dass die marxsche Krisentheorie wohl doch nicht so gefehlt gewesen sei: „Gewisse Teile der mar­xistischen Theorie waren doch nicht so verkehrt. Ein maßloser Kapitalismus, wie wir ihn erlebt haben, mit all seiner Gier, frisst sich am Ende selbst auf. “Steinbrück spielte damit auf den Zusammenbruch der US­ In­vestmentbanken und dessen Fol­gen an: Die „Finanzarchitektur“ der Welt werde sich in Zukunft drastisch ändern, so Steinbrück. Und weiter: „Man muss aufpas­sen, dass der aufgeklärte Ka­pitalismus kein Legitimations­, Akzeptanz­ oder Glaubwürdig­keitsproblem bekommt.“ Dass es schon längst so weit ist, zeigen Konsequenzen der Misere wie die ungewohnt ge­walttätigen Ausschreitungen kürzlich beim G20­Gipfel in London, die Antikapitalismus­demonstrationen in zahlreichen Industriestaaten oder Einzelak­tionen wie Geiselnahmen von Managern durch Angestellte in Frankreich, zuletzt bei Sony, Caterpillar und 3M, schön be­ schrieben durch das neue Mo­dewort „Bossnapping“. Auch in Österreich ist nichts mehr, wie es war, seit der ehr­ würdige Herr Julius Meinl V. zumindest kurze Zeit gesieb­te Luft im Wiener Häf’n atmen musste. Was wohl Marx dazu ge­ sagt hätte?Im Zeitalter des Neoliberalis­mus – der nun wirklich zu Ende ist, im Gegensatz zum Kapitalis­mus – war Marx ziemlich pfui. Abseits von den notorischen Le­sezirkeln tauchte er höchstens hin und wieder in Management­ Seminaren auf, wenn es um die volkswirtschaftlich­historische Bedeutung von Begriffen wie Produktivkraft (Produktivität) oder Mehrwert ging. An­sonsten hatte er ausgedient, hin­ gen doch viele Neoliberale dem dämlichen Diktum vom „Ende der Geschichte“ (dem Sieg des Kapitalismus) von Francis Fu­kuyama an, das sich im Gegen­ satz zu Marxens Analysten als atemberaubender Unsinn he­ rausgestellt hat.

System aus den Fugen
Von wegen Ende der Ge­schichte. Wir erleben heute, was Marx vor rund 150 Jahren – un­ter anderen Voraussetzungen – vorhergesagt hat. Der Zwang des Kapitalismus zur Produkti­vität, zu Wachstum kann nur so lange gut gehen, solange genü­gend Konsumenten Waren und Dienstleistungen auch wirklich konsumieren. Sonst gerät das gesamte System aus den Fu­ gen. Durch Rationalisierungen, technologischen Fortschritt und niedrigere Löhne sind die Kon­sumenten aber nicht mehr in der Lage, alles zu konsumieren, was die Wirtschaft bereitstellt, und das System kollabiert.Addiert man zu diesen Be­dingungen die heute wesentlich komplexere wirtschaftliche Re­alität mit ihrem Kreditwesen, der globalisierten Warenwirt­schaft und der längst verselbst­ ständigten Finanzwelt, ver­wundert es nicht, dass es ganz ordentlich kracht, wenn der Bo­ gen einmal überspannt ist. Und wie vor jedem Höhepunkt einer Blase schwemmt es die ganzen übergeschnappten Handlungs­träger hervor, die vom über­ spannten Kapitalismus der letz­ten Jahre schmarotzten, die Madoffs, die Lehman Brothers und eben auch die vielen Meinls dieser Welt.Was den frohen Tagen folgt, ist ein Weltwirtschaftsgewitter, Dem Crash durch die ökonomische Anarchie des Neoliberalismus folgt ein reinigendes Weltwirtschaftsgewitter ein Zyklus der Reinigung, wie es ihn im Kapitalismus zwangsläufi­g immer wieder geben muss – auch das wusste Marx. Schlech­te Zeiten also für abgehobene „Fat Cats“ wie einen General­ Motors­ Chef Rick Wagoner, für Heuschreckenfonds wie Cerbe­rus, aber auch schlechte Zeiten für Millionen von Arbeitslosen, Sparern und Kleinanlegern. Der große Irrglaube der Neo­ liberalen war ja, dass die Aus­formung einer alles dominie­renden Finanzwirtschaft einFortschritt war. Das Gegenteil ist aber wahr: Von den Wall­ Street­Haien der 1980er Jahre bis zu den modernen zerstöre­rischen Hedgefonds zog sich als einzige Moral die Gier nach Bro­t. Das als Fortschritt zu sehen, ist ziemlich banal. Und daraus Sprüche abzuleiten wie „Geht’s der Wirtschaft gut, geht’s uns allen gut“, lässt auf die Schlicht­heit des Wirtschaftskammer­ Marketings blicken.
Wahr ist, dass diese Art von Wirtschaft, die die Welt fast in den Ruin getrieben hat, nur je­nen genutzt hat, die schon völ­lig abgehoben von der produk­tiven Realität nur mehr mit dem Fetisch Geld jongliert ha­ben. Genützt hat sie den Steuer­ hinterziehern, den Korrupten, den Selbstdarstellern und den ganz Schlauen. Repariert wird die Misere jetzt von allen Steu­erzahlern mithilfe besonnener Ökonomen.

Lange Erholungsphase
Was kommt danach? Die Zy­klenforscher des Kapitalismus ge­hen davon aus, dass sich ein Crash ungefähr in der dreifachen Anzahl der Monate, die es zum Verfall ge­braucht hat, wieder erholt. In der derzeitigen Situation nehmen wir also die 18 Monate der Krise mal drei, was eine Erholungsphase von 4,5 Jahren ergibt. Geht man davon aus, dass die Krise Mitte 2009 ih­ren Boden erreicht, ist die Wirt­schaft Ende 2014 wieder auf dem Stand von zuvor.
Doch die Vorzeichen werden nicht mehr dieselben sein: Der ungezügelte, unproduktive und zerstörerische freie Kapitalis­mus der Hochfinanz wird ein Ende haben, wenn auch nicht gleich. Steueroasen werden aus­ gedünnt, Kreditsysteme verbes­sert und Spekulanten gezügelt. Die Rückorientierung zu einer Wirtschaft, deren innerer Wert sich wieder auf Produktion von Waren und das Anbieten von Dienstleistungen besinnt statt auf das Jonglieren mit ktiven Finanzwerten, wird reinigend wirken. Gleichzeitig verschafft sie den Produktivkräften der Gesellschaft wieder einen hö­heren Stellenwert, sprich: den Angestellten und Arbeitern und deren Interessen.

Aus für Neoliberalismus
Der Neoliberalismus hat ver­sagt. Jedenfalls in dem Sinne, durch freie Wirtschaft eine freie und gerechte Gesellschaft zu schaffen. Gebracht hat er wirtschaftliche Anarchie, Pri­vilegierung weniger auf Kosten der Mehrheit, die Herrschaft von Konzernen und Kartellen, Hegemonialkriege und soziale Ungleichheit mehr denn je. Neo­liberalismus bringt nicht im Ge­ringsten eine funktionierende Wettbewerbsordnung hervor .Und GM­ Boss Rick Wagoner nimmt 20 Mio. Dollar mit in die Rente.

Ausgewählter Artikel aus dem Jahr 2009

Arno Maierbrugger, Economy Ausgabe 72-04-2009, 20.09.2017