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07. Dezember 2022

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Privatkonkurse und Betriebsinsolvenzen nehmen weiter zu

Privatkonkurse und Betriebsinsolvenzen nehmen weiter zu© Pexels.com/Mikhail Nilov

Inflation und Kostenexplosionen belasten die Haushalte massiv und bei Unternehmen sind kontinuierlich steigende Kosten, Lieferengpässe und Personalprobleme die wichtigsten Gründe für ebenso zunehmende Pleiten.

(red/czaak) Laut aktueller KSV1870 Hochrechnung wurden in Österreich in den ersten neun Monaten des Jahres 6.209 Schuldenregulierungsverfahren bei Privatpersonen eröffnet. Das entspricht einem Zuwachs von knapp 24 Prozent gegenüber dem Vorjahr und im Schnitt macht das 23 Fälle pro Tag. Erhöht haben sich auch die vorläufigen Passiva um mehr als 16 Prozent auf 665 Mio. Euro. Privatpersonen haben im Jahr 2022 bislang mit durchschnittlichen Schulden in der Höhe von 107.000 Euro Konkurs angemeldet.

Anstieg resultiert primär aus Insolvenznovelle des Vorjahres
Inflation, gestiegene Energiekosten, Preissteigerungen im Supermarkt – die wirtschaftlichen Herausforderungen sind enorm und belasten die Geldbörsen der ÖsterreicherInnen aktuell massiv. Obwohl die Zahl der eröffneten Privatkonkurse seit Inkrafttreten der Insolvenznovelle im Juli 2021 kontinuierlich gestiegen ist, wurde das Vorkrisenniveau (7.174 Fälle, - 13,5 Prozent) noch nicht erreicht.

„Im Privatkonkurs ist der aktuelle Anstieg vor allem auf die Insolvenznovelle des Vorjahres zurückzuführen, die deutliche Erleichterungen, wie eine verkürzte Entschuldungsdauer für Schuldner, gebracht hat. Wenn man etwas in die Zukunft blickt, werden aber auch die explodierenden Kosten in nahezu allen Lebenslagen Auswirkungen haben“, so Karl-Heinz Götze, Leiter KSV1870 Insolvenz.

Verzicht auf Konsum zur Finanzierung der dringenden Lebenskostes
Stellt man die Ergebnisse der ersten drei Quartale 2022 in direkten Vergleich, zeigt sich, dass es im dritten Quartal (1.900 Fälle) die bislang wenigsten Privatkonkurse gab, während im ersten Quartal 2.100 Fälle und im zweiten Quartal 2.200 Fälle gezählt wurden. „Erfahrungsgemäß verzichten die Menschen in unsicheren Zeiten auf kostenintensive Investments, um das verfügbare Geld für Rechnungen des täglichen Lebens zu verwenden“. erläutert Götze.

Und: „Dadurch gibt es im ersten Moment weniger offene Forderungen und damit auch weniger Insolvenzanträge. Bei anhaltender Teuerungswelle wird das Pendel aber recht bald in die andere Richtung ausschlagen. Spätestens dann, wenn sich die Menschen weder Strom noch Heizung leisten können“, so die Prognose des KSV-Experten.

Unternehmensinsolvenzen haben sich verdoppelt
Bei den Firmeninsolvenzen haben sich im bisherigen Jahresverlauf die geschätzten Passiva um fast 90 Prozent erhöht, bislang wurden im Schnitt 13 Firmenpleiten pro Tag gezählt. Laut aktueller Hochrechnung des Kreditschutzverbandes KSV 1870 waren in den ersten neun Monaten 2022 in Österreich 3.482 Unternehmen (+ 92 Prozent gegenüber 2021) von einer Insolvenz betroffen. Am deutlichsten fällt das Plus in Oberösterreich und Vorarlberg aus.

Die meisten Insolvenzen verzeichnen die Branchen „Handel & Instandhaltung und Reparatur von Kfz, die Bauwirtschaft sowie die Gastronomie. Parallel dazu haben sich Erhöht haben sich auch die geschätzten Verbindlichkeiten um etwa 88 Prozent auf 1,4 Mrd. Euro und die Zahl der betroffenen Dienstnehmer ist auf 9.800 Personen (+ 72 Prozent) angewachsen. Um vier Prozent gesunken ist hingegen die Zahl der Gläubiger auf 20.300 Geschädigte.

Insolvenzverschleppung vernichtet Arbeitsplätze und Gläubigerbedienung
„Aufgrund der jüngsten Entwicklungen ist auch die Erwartungshaltung für die kommenden Monate eher gedämpft. Wie wir von vielen Unternehmen in Gesprächen erfahren, blickt rund die Hälfte der Betriebe eher negativ in Richtung Jahresende“, so Götze. Parallel dazu stimmt es auch nachdenklich, dass im heurigen Jahr 40 Prozent aller Firmenpleiten mangels Kostendeckung abgewiesen wurden – im Vorjahr waren es 32 Prozent.

Einer der Gründe, warum dieser Wert zuletzt in die Höhe geschnellt ist, liegt darin, dass viele Betriebe schon längst Insolvenz anmelden hätten sollen und der Fortbetrieb nun auch die letzten finanziellen Mittel vernichtete. „Wenn keine Vermögenswerte mehr vorhanden sind, dann ist auch eine Sanierung nicht mehr möglich“, betont Karl-Heinz Götze, Leiter KSV1870 Insolvenz. „Die Folgen sind massiv. Menschen verlieren unnötigerweise ihre Arbeitsplätze und Gläubiger erhalten kein Geld, das ihnen aufgrund erbrachter Leistungen zusteht.“

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red/czaak, Economy Ausgabe Webartikel, 04.10.2022