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22. Juni 2018

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„Mit diesen Möglichkeiten wäre der KGB früher selig gewesen.“

Video: 

(Video/Text) Der Journalist Hans Rauscher im zweiten Teil des Gespräches mit economy über österreichischen Provinzialismus, über Leserbrief-Könige, über staatlich gesponserte Fake-News aus Troll-Fabriken und über neue Allianzen in Österreich.

Economy: Hans Rauscher, Preisträger zahlreicher Auszeichnungen, unter anderem auch Staatspreis für Publizistik und zwar „für die Verteidigung im geistigen Sinne.“ Wogegen muss Österreich im geistigen Sinne verteidigt werden?
Hans Rauscher: Immer gegen den Provinzialismus, immer. Das ist ein Thema das sich durchzieht. Wir haben unglaubliche Begabungsquellen und die haben es unglaublich schwer sich gegen eine allgemeine Intellektfeindlichkeit, Bildungsfeindlichkeit, gegen „wer ma scho mochen-“, gegen „wer ma scho kaan Richta brauchn Mentalität“ durchzusetzen.
Wir sind immer aufgewacht wenn es gegangen ist um Kreisky-Wiesenthal, um Waldheim, um Haider.
Also im Schnelldurchlauf: ich hab’, glaub ich, eine ganz ordentliche Printkarriere hinter mir. Und dann, eigentlich durch den Kontakt mit der Gerlinde Hinterleitner vom Standard (Anm. Content-Chefin), bin ich auf die Online-Welt draufgekommen und war sofort fasziniert. Denn, man hat einen direkten Rücklauf vom Leser, man sieht bei den Zugriffszahlen was interessiert und was nicht und durch die Postings bekommt man eine Rückmeldung.
Ich setze mich mit den Postern auseinander, auch mit den anonymen Postern, zum Teil in einer sehr harten Form, zum Teil indem ich sie einfach lösche. Ich gebe vielen eine Antwort - und das wird geschätzt.

Hat das Thema Online, Internet generell die Arbeitsweise im Journalismus verändert ?
Absolut. Ich selbst schau’ mir abends und in der Früh am Tablet die wichtigsten Zeitungen durch. Und dann kommt erst die vertiefende Printlektüre, entweder im Kaffeehaus oder in der Redaktion.
Das Positive ist das weitaus stärkere Eintauchen in die Welt des Lesers bzw. Users. Ich hab beim Kurier im Jahr 6.000 Leserbriefe bekommen, ich war dort der Leserbriefkönig.
Das ist online beim Standard zwar selten aber es kommt vor, dass es 6.000 Reaktionen auf einen Artikel gibt.

Thema Recherche aber auch Thema Sprache betreffend?
Absolut was die Recherche betrifft! Das ist unglaublich, du kannst dir die interessantesten Studien und Artikeln in den internationalen Medien abrufen, in der wissenschaftlichen Welt. Das dauert zehn Minuten was früher zwei Tage gedauert hat.

Tolle Wissensquelle das Internet. Auf der anderen Seite bedingt die Einfachheit der Recherche oftmals einen gewissen Gleichklang bei der Wiedergabe der Themen...
... es gibt eine Unzahl von Quellen was schon sehr wichtig ist. Das andere ist, dass zumindest 70 Prozent von diesen Quellen schlammige Quellen sind und völlig unkritisch hergenommen und konsumiert werden.
Den Effekt hat man zuletzt in den USA gesehen, etwa diese „Breitbart-News“, das sind pure „Fake-News“, die aber eine sehr hohe Wirkung hatten. Das ist ein Phänomen, dass ein Teil der Leute sich an uns „Mainstream-Journalisten“ vorbei sich informiert. Das mag ihnen passen aber sehr oft kriegen sie da einen echten Mist serviert.

Ein weiterer Kritikpunkt am Journalismus ist, dass statt objektiv kritisch zu informieren, zunehmend gewertet wird.
Die Tatsache, dass du etwas größer auf die Seite stellst, ist schon nicht mehr objektiv. In Wirklichkeit, wenn man sagt, ich halte das jetzt für berichtenswert und befrage mehrere Leute dazu damit was herauskommt, ist die Objektivität relativiert und zwar zu Recht.
Das andere ist die tendenziöse Schreibe. Erstens hat es die immer gegeben, die Krawallblätter haben das immer betrieben, das war immer Stimmungsmache, bis hin zur Hetze. Auch jetzt im amerikanischen Wahlkampf waren da ein paar Leute in einen mazedonischen Kaff, die mit der Erfindung von Fake-News Geld gemacht haben.
Das gerät außer Kontrolle und das beginnt bei staatsgesponserten Desinformationsseiten. Wenn der KGB früher solche Möglichkeiten gehabt hätte, die wären selig gewesen. Etwa sogenannte Troll-Fabriken, da sitzen hunderte Staatsangestellte, die nichts anderes machen als hunderte Postings oder gefälschte Nachrichten in westliche, insbesondere europäische Medien zu schicken. Das wird uns noch sehr zu schaffen machen.

Fehlt es den Medien ein bissel an Innovationskraft, haben sie eine Entwicklung verschlafen, wurden sie überrollt?
Ich glaube es fehlt an Einordnung. In dieser Flut an Informationssplittern, könnte ein Markt dafür da sein, dass man etwas eingeordnet kriegt.
Ich glaube auch an seitenlange Reportagen, Essays, usw.. Im Grunde müsstest du über bestimmte Themen kompakt aber doch tief informiert werden.

Blick in die Zukunft, können kleinere, unabhängige Medienhäuser ala Standard oder Kurier allein überleben?
Wenn sie ein entsprechendes Produkt anzubieten haben, ja. Der Standard hat eine Nische in einem liberalen Qualitätssektor - die in Österreich größer wird. Das ist die Hoffnung.
Ich erinnere mich 30 Jahre zurück in die Waldheim-Zeit. Im Kurier einen kritischen Waldheim-Kommentar zu schreiben – und davon habe ich viele geschrieben, hat bedeutet, wütendste Reaktionen, wütendst, persönliche Bedrohungen und vor allem sehr weit gehendes Unverständnis wieso das jetzt sein muss.
Da hat sich doch sehr viel geändert. Und wenn man jetzt den Sieg vom v.d. Bellen anschaut, immerhin 54 Prozent, das ist eine Allianz aus Sozialdemokraten, aus Grünen, aus liberalen ÖVP-lern, aus Unabhängigen, aus Moderneren, aus Leuten in den Großstädten, weltoffener, aus Frauen.
Es gibt ein neues Österreich und das ist nicht progressiv im engeren Wortsinn, sondern es mag nur nicht, dass wir ein finsteres altes Österreich werden. Und wenn sich ein Medium wie der Standard oder auch der Falter, den ich übrigens als politisches Medium immer interessanter finde, das Profil muss sich da anstrengen, wenn also ein Medium sich so lange halten kann und aus dieser Tatsache, dass es ja doch eine Allianz von gemäßigten, von liberalen, von modern Denkenden gibt, dann müsste sich daraus auch auf dem Medienmarkt etwas machen lassen. (red/czaak)

Der dritte Teil des Gespräches mit Hans Rauscher mit dem Schwerpunkt „Europa“ wird kommenden Dienstag, den 17.01.17 publiziert.

(Anm. der Redaktion: Hans Rauscher und economy-Redakteur Christian Czaak kennen einander seit 1997 aus gemeinsamen Standard-Zeiten. Das daher resultierende Du-Wort wurde auch beim Interview beibehalten.)

Links

red/czaak, Economy Ausgabe Webartikel, 10.01.2017