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27. Mai 2016

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Oh nein!

Oh nein!piqs.de/meiji

Schreck lass nach oder Neues aus der Angstforschung. Die gezielte Beeinflussung von Genaktivierungen und zellulären Signalwegen bietet einen neuen Ansatz in der Therapie von Angstzuständen, so ein aktuelles Projekt des Wissenschaftsfonds FWF.

"Auslöschung" (extinction) ist eine klassische Methode der Angsttherapie: Erinnerungen an negative, oftmals angsterzeugende Erfahrungen werden dabei durch wiederholte positive Erlebnisse, durch neues Lernen, quasi überschrieben. Wer von einem Hund gebissen wurde, hat Angst vor Hunden. Wer danach aber viele problemlose Begegnungen mit Hunden hat, kann so die Angst besiegen.
So einfach das klingt und so effizient es auch helfen kann – nicht für jede Person klappt das gleich gut. Warum das so ist und was man dagegen tun kann, interessierte Nicolas Singewald in dem FWF-Projekt "Epigenetische Mechanismen gestörter Gedächtnisregulation" des Spezialforschungsbereichs (SFB) "Cell signaling in chronic CNS disorders".

Acetyl gegen die Angst
Ganz speziell fokussierte das Team um Singewald dabei auf epigenetische Effekte, also Veränderungen des Erbguts, die im Laufe eines Lebens erworben werden. Konkret untersuchten sie eine chemische Veränderung (Acetylierung) von bestimmten DNA-assoziierten Proteinen (Histone), für die es Hinweise gibt, dass sie Angstauslöschung positiv beeinflusst.
Singewalds Team gelang nun nicht nur der Nachweis, dass diese chemische Modifikation eine gestörte Angstauslöschung stärken und korrigieren kann, sondern gemeinsam mit internationalen Kollegen konnten sie auch wichtige zelluläre Mechanismen identifizieren, die dazu beitragen.

Auch unter Mäusen gibt es Angsthasen
Wesentlich für die Arbeit von Singewalds Team war ein ganz bestimmter Mausstamm (129S1/SvlmJ), den die Forschungsgruppe zuvor zusammen mit dem US Hirnforscher Andrew Holmes identifiziert hatte. Ähnlich wie Angstpatienten besitzt dieser Stamm eine eingeschränkte Fähigkeit zur Angstauslöschung und damit gelang es, die zellulären und molekularen Mechanismen zu identifizieren, welche eine Angsttherapie fördern können.
Tatsächlich konnten die Forscher zunächst zeigen, dass eine verstärkte Acetylierung von Histonen die Angstauslöschung in diesen Mäusen förderte – es also einen ganz klaren Zusammenhang zwischen epigenetischen Modifikationen und Korrektur gestörter Auslöschung gibt. Welche zellulären und molekularen Prozesse dazu beitragen, entschlüsselte die Gruppe dann in weiteren Experimenten.

Therapiekonzept
Doch auch die Beteiligung von Rezeptoren, die durch bestimmte Neurotransmitter, wie etwa Dopamin aktiviert werden, wurde entdeckt. Daraus leitete das Team auch ein Konzept zur Behandlung von gestörter Auslöschung ab, das möglicherweise für den Menschen nutzbar wäre. "Für die Überprüfung dieses Behandlungskonzepts machten wir uns zunutze, dass es ein zugelassenes (Parkinson)Medikament gibt, das einen aktivierenden Einfluss auf Dopamin-abhängige Signalwege ausübt,“ erläutert Singewald.
"Wir konnten sowohl im Mausmodell als auch zunächst an gesunden Menschen zeigen, dass dieses Therapiekonzept langanhaltend wirken könnte,“ so Singewald zu den gemeinsam mit internationalen Kollegen erzielten Ergebnissen. Insgesamt deuten die Erkenntnisse dieses FWF-Projekts an, dass die Verstärkung bestimmter zellulärer und (epi)genetischer Vorgänge einen neuen Ansatz in der Angsttherapie darstellt. Personen, bei denen Therapiekonzepte auf Basis von Angstauslöschung, wie beispielsweise Expositionstherapie, nicht optimal funktionieren, bietet sich so zukünftig etwaig neue Hoffnung, ihren krankhaften Ängsten effektiver beizukommen.

Links

red/czaak, Economy Ausgabe Webartikel, 02.10.2015