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22. November 2017

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Schule der Zukunft

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Österreichs Schüler schneiden im internationalen Vergleich mehr schlecht als recht ab, wie die Studien PISA und TIMSS zeigen. economy fragte Bildungsexperten, woran es hapert und wie ein effizientes Schulsystem aussehen sollte.

Ende 2010 werden die Ergebnisse der neuen PISA-Studie (Programme for International Student Assessment) veröffentlicht. Bildungsexperten schwant nichts Gutes, wenn sie sich auch noch bedeckt zeigen. „Wir haben bis zum 7. Dezember ein striktes Informationsembargo der OECD“, sagt PISA-Projektleiterin Claudia Schreiner vom Bundesinstitut für Bildungsforschung (BIFIE). Die Erhebungen wurden bereits Mitte 2009 an den heimischen Schulen durchgeführt. „Diesmal steht das Lesen im Mittelpunkt. Nebem dem normalen Lesetest war diesmal auch ein computerbasierter Test zum Lesen elektronischer Texte integriert“, mehr verrät Schreiner nicht.

Finnland als Musterbeispiel
Ob sich das schlechte Abschneiden der heimischen 15-Jährigen beim PISA-Test 2006 (Mathematik: 13. Platz, Lesen: 14. Platz) nun wiederholt oder gar noch schlechter ausfällt, bleibt abzuwarten. PISA-Testsieger Finnland hat jedenfalls in den letzten Jahren viele Bildungsexperten angelockt. Ein Grundstein in Finnland ist die Gesamtschule, die „Peruskoulu“, die alle jungen Finnen im Alter von sieben bis 16 Jahren besuchen. 90 Prozent setzen den Bildungsweg danach Richtung Reifeprüfung fort. Heute hält Bildungswissenschafter Jarkko Hautamäki für bewiesen, dass die Gesamtschule die soziale Kluft am Wachsen hindere: „Man kann seine Kinder in jede beliebige Schule schicken, die Qualität ist die gleiche. Privatschulen, wo Mütter im BMW vorfahren, gibt es praktisch nicht.“

Gesamtschule als Weg
Gesamtschule heißt aber keineswegs „Einheitsbrei“. Erstens werden die Schüler individuell gefördert und betreut, zweitens sind die Schulen autonom, sie können auch Lehrer feuern, und schon der Zugang ist schwer genug. Infolge einer beinharten Auslese bereits vor dem Studium bleiben 90 Prozent (!) der Anwärter auf der Strecke. Wer eine Lehrerausbildung absolviert oder abgeschlossen hat, ist hoch angesehen. Das rundum akzeptierte Vorschuljahr oder die Notwendigkeit, Englisch zu lernen, weil es kaum Filme auf Finnisch gibt, sind weitere Erfolgsbausteine des finnischen Schulsystems. Das finnische Modell findet auch hierzulande seine Anhänger. „Wir brauchen für die Altersgruppe der Sechs- bis 14-Jährigen eine durchgehende, individuelle Entwicklungslaufbahn“, schlägt etwa Dagmar Hackl, Rektorin der Pädagogischen Hochschule (PH) in Wien eine Auflösung der traditionellen Struktur Volksschule/Hauptschule/Gymnasium vor. „Das bedeutet aber keine Einheitsschule, sondern vielmehr wird die Standortentwicklung der Schulen mit gro­ßer Autonomie entscheidend für ein breites Angebot an Bildungschancen sein“, meint die engagierte Rektorin. „Die Zukunft der Schule wird darin liegen, wie gut es uns gelingt, jedes nur erdenkliche mögliche Talent bei unseren Kindern zu stärken.“
Bereits im Volksschulalter fordert die Wiener PH-Rektorin Dagmar Hackl ein Umdenken. Sie schlägt vor, die ersten zwei Jahre, also für die Sechs- bis Achtjährigen, den Gesamtunterricht beizubehalten, „denn diese erste Phase mit der Alphabetisierung, dem Erwerb der Lesefähigkeit und dem Erwerb des Wissens um die Grundrechenarten in einem gesamtunterrichtlichen Zusammenhang ist wichtig und sollte auch nicht verändert werden.“ Danach schlägt Hackl „einen leicht gefächerten Unterricht im Rahmen von drei bis vier Fachgruppen vor“.

Fachgruppen in der Volksschule
Die Volksschulkinder seien ohnehin bereits an verschiedene Lehrpersonen etwa in Werken, Religion, oft auch in Englisch und manchmal in Musik gewöhnt. „Der Umgang mit mehreren Bezugspersonen auch in der Volksschule schadet den Kindern sicher nicht“, ist Hackl überzeugt.
Derzeit gebe es Gesamtunterricht, aufgeteilt auf Bildungsinhalte. Im Fachgruppenmodell könnten speziell vertiefend ausgebildete VolksschullehrerInnen mit den Kindern viel gezielter arbeiten. Der Vorteil für die Kinder: „Sie lernen bereits früh, welche Wissensgebiete sie bevorzugen und wo ihre speziellen Talente liegen. Darauf aufbauend kann dann eine weitere Schwerpunktsetzung in der Sekundarstufe eins gesetzt werden“, beschreibt Hackl das Modell. Außerdem gibt es daher keine „allgemeinen VersagerInnen, sondern Kinder mit gänzlich unterschiedlichen individuellen Fähigkeiten, Stärken, aber auch Schwächen, die natürlich mit einem entsprechenden Förderprogramm ausgebessert werden müssen, wenn sie die grundlegende Wissens- und Bildungsentwicklung des Kindes betreffen“, meint die PH-Rektorin.
„Wichtig ist, dass es im zehnten Lebensjahr keinerlei Bildungsbrüche mehr gibt“, betont Hackl. In der fünften und sechsten Schulstufe soll der Fachgruppenunterricht der Volksschule fortgeführt werden“, erläutert sie. Erst ab der siebten Schulstufe sollte ein stärker gefächerter Unterricht erfolgen. „Zusätzlich soll sich jeder Schüler zwei Schwerpunktbereiche wählen, damit werden bereits frühzeitig spezielle Vorwissensbereiche geschaffen und Talente gefördert“, freut sich Hackl. Dass auch an der Lehrerausbildung viel verändert werden muss, ist ihr klar: „Dass wir hier besser werden können und müssen steht außer Streit. Wichtig ist, dass wir auch bei den Lehrern auf Basis einer Kernausbildung Spezialwissen und spezielle Talente gezielt fördern.“
Beim Schulangebot für die 14- bis 18-Jährigen fordert Hackl „möglichst viele verschiedene Schularten mit vielen Schwerpunktbereichen.“ Befragt zu den Mängeln sagt die PH-Rektorin klipp und klar: „Die Organisation unseres Schulsystems ist nicht mehr zeitentsprechend“, sie fordert mehr Autonomie für die Schulstandorte und eine Aufwertung der Funktion des Schulleiters. Außerdem „sollte sich die Parteipolitik aus dem Schulsystem mehr zurückziehen. Wissens- und Bildungsentwicklungen dürfen an keinen parteipolitischen Hindernissen mehr scheitern“, so Hackls klare Kritik in Richtung Politik.

Wege aus der Schulkrise
Ein scharfer Kritiker des Schulsystems ist auch Manfred Spitzer, Leiter des Transferzentrums für Neurowissenschaften und Lernen in Ulm und Autor zahlreicher Bücher (zuletzt Medizin für die Bildung. Ein Weg aus der Krise, 2010). „Es ist in intellektuellen Kreisen schick geworden, wenig Ahnung von Naturwissenschaften zu haben und in Mathematik schlecht zu sein. Aber jeder, der in ein Flugzeug steigt, nützt die Ergebnisse von Wissenschaften und Technik“, gibt Spitzer zu bedenken. Naturwissenschaften würden leider sträflich vernachlässigt, ebenso auch Musik, Theater und Sport. Neben der inhaltlichen Komponente hagelt es auch Kritik an der organisatorischen Seite: „In Schweden stellt die Schule den Lehrer an, in Deutschland (und Österreich, Anm. d. Red.) wird er von Amts wegen zugewiesen und kann wegen Unfähigkeit niemals gekündigt werden. Es braucht autonome Schulen, die selbst entscheiden können, was sie tun wollen, mit wem sie es tun wollen und wie sie die Kinder zum Ziel bringen.“
Man sollte außerdem über das Gehirn mehr Bescheid wissen, denn „Pädagogik ist nichts weiter als angewandte Gehirnforschung“, argumentiert Spitzer. Lernen habe auch sehr viel mit der entsprechenden Einstellung zu tun. „Wenn Schule gut ist, dann fördert sie jeden ohne Ausnahme in unterschiedlicher Weise. Damit unsere Kinder gut durch die Schule kommen, sollten wir jedenfalls nicht auf politische Reformen hoffen, sondern auf das Wissen über Lernen und Lernerfolg setzen“, meint Spitzer.

Economy Ausgabe 86-10-2010, 27.08.2010