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19. Juni 2021

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Firmenpleiten versus Hilfsgelder und die weitere Entwicklung

Firmenpleiten versus Hilfsgelder und die weitere Entwicklung© Pexels.com/Gabby K

Die Corona-Pandemie ist für 14 Prozent der Firmeninsolvenzen in den letzten zwölf Monaten verantwortlich. Operative Ursachen sind auch weiterhin der Hauptgrund und die eigentliche Pleitewelle soll erst kommen, so eine aktuelle Analyse des Kreditschutzverbandes von 1870.

(red/czaak) Neun von zehn heimischen Unternehmen müssen sich mit den finanziellen Folgen der Pandemie beschäftigen, trotzdem ist die Corona-Krise in den vergangenen zwölf Monaten nicht zum Auslöser Nummer eins von Firmenpleiten mutiert. Mehr noch: In den vergangenen sechs Monaten wurden hierzulande um rund 60 Prozent weniger Firmenpleiten als vor der Krise gezählt. Hauptursache für rund 40 Prozent der Unternehmen sind hier weiterhin operative Gründe. Die Wirtschaftskrise selbst ist seit Beginn des ersten Lockdowns für knapp 14 Prozent aller insolventen Unternehmen verantwortlich.

Covid-19 beschleunigt finanziellen Notstand
Die Pandemie beschleunigt zum Teil auch Pleiten, deren finanzielle Miseren einen gänzlich anderen Ursprung haben. Sobald jedoch die staatlichen Fördermaßnahmen ein Ende finden und noch mehr Betriebe in gröbere finanzielle Turbulenzen geraten, wird die Pandemie als Pleitenursache steigen. Zu diesem Ergebnis gelangt eine Ursachenanalyse des KSV1870 von rund 1.300 Firmenpleiten seit Beginn des ersten Lockdowns. „Das auf den ersten Blick positive Ergebnis ist für die heimische Wirtschaft alles andere als erfreulich. Langfristig gesehen können dadurch weitaus gravierendere Probleme entstehen als dies jetzt ohnehin schon der Fall ist“, erklärt Karl-Heinz Götze, Leiter Insolvenz beim KSV1870.

Unbeeindruckt von der anhaltenden Weltwirtschaftskrise sind für 39 Prozent operative Ursachen nach wie vor der mit Abstand häufigste Auslöser einer Firmenpleite in Österreich. Dazu zählen Absatz- und Finanzierungsschwächen, eine schlechte Kostenstruktur aufgrund einer fehlerhaften Organisation, mangelndes Controlling und Fehler in der Auswahl oder Führung von Mitarbeitern. Auf Platz zwei rangieren mit 19 Prozent „Unbeherrschbare Umstände“ und zu dieser Kategorie zählt auch die Corona-Krise mit knapp 14 Prozent. Darüber hinaus tritt die Pandemie zum Teil auch als Beschleuniger von Insolvenzen in Erscheinung, deren ursächliche Gründe eigentlich andere sind.

Gesteigerte Insolvenzen versus rechtzeitige Sanierung
„Es ist zu erwarten, dass der Faktor Corona ab jenem Moment steigen wird, in dem die staatlichen Hilfsgelder ein Ende finden. Spätestens ab diesem Zeitpunkt müssen auch jene Unternehmen der finanziellen Realität ins Auge blicken, die aktuell künstlich am Leben gehalten werden“, so Götze weiter. Dann wird für viele Betriebe „der Schuldenberg nicht mehr zu stemmen sein“ und es besteht vielerorts die Gefahr „einer vollständigen Liquidation“. Das auch deshalb, weil seitens der Unternehmen häufig „zu lange mit einer Sanierung gewartet wird“ und in einem späten Stadium mitunter „nicht einmal mehr die Gerichtskosten gedeckt werden können“, so die Analyse des KSV1870.

Der Gläubigerschutzverband appelliert nun an finanziell gefährdete Unternehmen, sich frühzeitig mit einer Sanierung zu beschäftigen, um eine vollständige Liquidation der Firma tunlichst zu vermeiden und letztlich Jobs zu retten. Zusätzlich gehe es auch darum, dass nicht noch mehr Betriebe in eine finanzielle Instabilität geraten, die aktuell auf wirtschaftlich gesunden Beinen stehen. Das würde aus volkswirtschaftlicher Sicht eine weitere nachhaltige Schwächung des gesamten Wirtschaftsstandortes Österreich bedeuten. Angesprochen sind hier etwa Lieferanten von insolvenzgefährdeten Firmen, die ob der Situation ihrer Auftraggeber nichts wissen und weiter auf Rechnung liefern.

Unklare Entwicklung
Ein relevanter Faktor für Insolvenzen sind auch gravierende Gründungsfehler seitens der Unternehmer selbst. Neben fehlendem Branchen-Know-how, jeglicher Eignung als Unternehmer oder zu geringes Eigenkapital, gehört für immerhin rund 15 Prozent auch persönliches Verschulden bzw. Fahrlässigkeit dazu. Gemeint sind hier strafbare Handlungen, die Nachlässigkeit der Geschäftsführung oder zu hohe Entnahmen.

„Der österreichischen Wirtschaft geht es angesichts der anhaltenden Corona-Krise deutlich schlechter als es die aktuellen Insolvenzzahlen vermuten ließen. Dass es nach wie vor eine derart geringe Anzahl an Firmenpleiten gibt (Anm. in Quartal 2021 wurde der niedrigste Wert an Firmenpleiten seit 1977 erzielt) ist nicht zuletzt den politischen Kunstgriffen ins heimische Insolvenzsystem geschuldet“, so die finale Erkenntnis der KSV-Experten. Ein System, das seit vielen Jahrzehnten auch international ein Erfolgsmodell ist. Für die KSV-Gläubigerschützer ist es aber auch vorstellbar, dass am Ende dieses Jahres die Zahl der Firmenpleiten „nicht dramatisch höher ausfallen könnte als im Vorjahr.“

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red/czaak, Economy Ausgabe Webartikel, 26.04.2021