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01. Dezember 2021

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Die Wachstumsprognosen verschieben sich

Die Wachstumsprognosen verschieben sich© Pexels.com/Andrea Piacqudio

Das deutsche ifo-Institut reduziert die Wachstumsprognose für 2021 und erhöht sie für 2022. Privater Konsum und Neueinstellungen als positive Treiber. Probleme bei Beschaffung von Produkten belasten hingegen das Geschäftsklima der deutschen Wirtschaft.

(red/czaak) Das Münchner ifo Institut hat seine Wachstumsprognose für 2021 um 0,8 Prozentpunkte reduziert und für 2022 um den gleichen Wert erhöht. „Die ursprünglich für den Sommer erwartete kräftige Erholung nach Corona verschiebt sich weiter“, sagt Timo Wollmershäuser, leitender Konjunkturexperte beim ifo-Institut.
Die Wirtschaftsleistung wird in diesem Jahr nur noch um 2,5 Prozent zulegen, im kommenden Jahr 2022 dann aber um 5,1 Prozent. Für 2023 wiederum sind vorab nur 1,5 Prozent vorhergesagt. „Derzeit schrumpft die Produktion der Industrie als Folge von Lieferengpässen bei wichtigen Vorprodukten. Gleichzeitig erholen sich die Dienstleister kräftig von der Coronakrise. Die Konjunktur ist gespalten“, so Wollmershäuser.

Privater Konsum und Neueinstellungen als Treiber
Profitieren vom Abflauen der Corona-Krise tut der private Konsum. Vor dem Hintergrund des Impffortschritts wirken sich auch die günstigeren Einkommens- und Beschäftigungsaussichten positiv aus. Im zweiten Quartal beschleunigten sich zudem die Neueinstellungen in der Dienstleistungsbranche deutlich und die Arbeitslosigkeit ging entsprechend zurück. Auch die Kurzarbeit wurde spürbar abgebaut und wird im kommenden Jahr ihr Vorkrisenniveau erreichen.

„Der plötzliche Anstieg der weltweiten Nachfrage hin zu langlebigen Konsumgütern, elektronischen Artikeln, sowie speziellen medizinischen Produkten hat viele Hersteller von industriellen Vorprodukten an ihre Kapazitätsgrenzen gebracht“, erläutert Wollmershäuser. „Zudem wurden die globalen Lieferketten als Folge stark veränderter Warenströme vor enorme logistische Herausforderungen gestellt“, betont der ifo-Experte.

Das Thema Inflation und das Defizit im Staatshaushalt
Beim Thema Inflation prognostizieren das ifo-Institut einen Anstieg um 2,3 Prozent für heuer und schließlich nur noch um 1,6 Prozent im Jahre 2023. Das Defizit im Staatshaushalt (Bund, Länder, Gemeinden, Sozialversicherungen) soll heuer 157,3 Milliarden Euro erreichen und 2022 dann auf 52,1 Milliarden Euro schrumpfen, womit der Staatshaushalt dann erstmals wieder ausgeglichen sein dürfte.

Basis für diese Prognosen ist rein die Umsetzung der derzeit beschlossenen wirtschafts- und finanzpolitischen Pakete.  Der international viel kritisierte Überschuss in der Leistungsbilanz wird in diesem Jahr 218 Mrd. Euro erreichen und dann auf 234 Milliarden Euro steigen. „Das sind erst 6,2 Prozent, dann 5,9 Prozent und schließlich 6,1 Prozent der Wirtschaftsleistung“, ergänzt Timo Wollmershäuser vom ifo-Institut.

Dämpfer bei Geschäftsklima
Bei den regelmäßigen Erhebungen des ifo-Instituts zu Geschäftsklima und Stimmung in der deutschen Wirtschaft zeigt sich aktuell ein Dämpfer. Die Unternehmen sind weniger zufrieden mit ihrer aktuellen Geschäftslage und sie blicken auch skeptischer auf die kommenden Monate. Die Probleme bei der Beschaffung von Rohstoffen und Vorprodukten bremsen die deutsche Konjunktur. Die Industrie erlebt eine Art „Flaschenhals-Rezession“, so das ifo.

Runtergebrochen auf die einzelnen Branchen ist die aktuelle Lage besonders beim Verarbeitenden Gewerbe eingetrübt. Ein stärkerer Rückgang war zuletzt im Mai 2020 beobachtet worden. Auch der große Optimismus bei den Erwartungen aus dem Frühjahr ist weitgehend verschwunden. „Die Auftragsbücher sind noch immer gut gefüllt, aber die Neubestellungen flachen ab“, so die ifo-Experten.

Positive Beurteilung in Baubranche
Etwas verbessert hat sich Geschäftsklima im Dienstleistungssektor. Dies war auf deutlich zuversichtlichere Erwartungen der Unternehmen zurückzuführen. Im Gastgewerbe und Tourismus ist nach der großen Skepsis im Vormonat eine gewisse Zuversicht zurückgekehrt. In der Logistik trübten sich die Aussichten hingegen ein, im Gleichklang mit der Industrie.

Nahezu unverändert blieb die Lage in der Handelsbranche. Während die Unternehmen hier mit ihrer aktuellen Lage etwas zufriedener waren, nahm der Pessimismus mit Blick auf die kommenden Monate etwas zu. Eine große Mehrheit der Händler berichtete ebenso von Lieferproblemen. Deutlich verbessert hat sich das Geschäftsklima hingegen in der Baubranche. Die Beurteilung der aktuellen Lage stieg auf den höchsten Stand seit März 2020. „Auch die Erwartungen für die Zukunft hellten sich merklich auf“, so das ifo-Institut.

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red/czaak, Economy Ausgabe Webartikel, 27.09.2021