Unabhängiges Magazin für Wirtschaft und Bildung

26. Mai 2019

Search form

Search form

Bilanz unklar

Bilanz unklar©piqs.de/sascha phflepp

Schafft die Digitalisierung Jobs, vernichtet sie Jobs – Experten sind sich uneins.

Welche Auswirkungen der technische Fortschritt auf den heimischen Arbeitsmarkt hat, wird heftig diksutiert. Während die österreichische Bevölkerung laut einer aktuellen Umfrage mehrheitlich davon ausgeht, dass die Digitalisierung mehr Arbeitsplätze vernichtet als schafft, zeigten sich Experten bei einer Podiumsdiskussion der Plattform Digital Business Trends (DBT) uneins.
„Die Debatte um die Digitalisierung hat schon fast religiösen Charakter. Dabei kann wissenschaftlich gar nicht genau belegt werden, ob beispielsweise Roboter nun gut oder schlecht sind“, erklärte Carsten Brzeski, Chef-Volkswirt der ING-DiBa. Intelligente Maschinen würden jedenfalls nicht mehr nur in der Industrie eingesetzt. Programme könnten Journalisten ersetzen, Röntgenbilder von Computern statt Radiologen ausgewertet werden.
„Neu ist, dass die Digitalisierung nicht mehr nur einfache Tätigkeiten erfasst, sondern auch Wissen ersetzbar macht. Manche Berufsgruppen werden total verschwinden“, sagte Brzeski. Neue Arbeitsplätze entstünden vor allem in kreativen Bereichen, nicht mehr bei langweiligen Routinearbeiten. Die Verschiebung weg von der Arbeit hin zum Kapital werde zudem den Druck auf die Sozialsysteme und die Forderungen nach Umverteilung verstärken. „Fest steht: Die Digitalisierung ist da. Ob sie gut oder schlecht ist, wird sich erst zeigen“, meinte der Volkswirt.

Mehr Flexibilität
„Bestehende Berufsbilder werden sich im Zuge der Digitalisierung ändern“, erklärte Roland Sommer, Geschäftsführer des Vereins Industrie 4.0 Österreich. Es würden neue Tätigkeitsprofile mit höheren Qualifikationsanforderungen entstehen. Immer wichtiger seien deshalb Weiterbildung und Flexibilität.
Die menschenleere Fabrik werde es jedenfalls nicht geben. Verbesserungspotenziale durch Automatisierung seien an einem bestimmten Punkt erschöpft. Die Gesamtzahl der Arbeitsstellen werde sich bis 2030 nicht maßgeblich verändern – sehr wohl aber die Ströme auf dem Arbeitsmarkt.
Optimistisch zeigte sich auch Martin Fluch von der A1 Telekom Austria, schließlich seien im Laufe der industriellen Revolution immer mehr Jobs geschaffen worden. Allerdings nehme die Geschwindigkeit der Veränderung laufend zu, was für größere Organisationen und produzierende Unternehmen mit festgelegten Abläufen eine große Herausforderung darstelle.

Kreativität
„Das Bildungssystem muss sich rapide ändern. Wir müssen weg von Spezialisten hin zu Personen, die ihr Wissen in verschiedene Bereiche transformieren können. Es geht darum, kreatives Denken wieder beizubringen und zu erlauben“, betonte Jakob Weinknecht von der NAVAX Unternehmensgruppe. Für kleinere Unternehmen würden sich nun Nischen eröffnen.
Eine enorme Umstellung für die Mitarbeiter sieht Markus Posch, Personalchef der Erste Group: „Es geht nicht mehr darum, Transaktionen durchzuführen, sondern den Kunden qualitativ zu helfen. Wir müssen die digitalen Medien nutzen, um unseren Job besser zu machen.“ Das erfordere Wissen und Kompetenz in allen wirtschaftlichen Belangen – nicht nur im Bereich der Finanzbranche.

Links

APA-Science/red/stem, Economy Ausgabe Webartikel, 10.06.2016