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25. October 2021

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„Dann ist die verheerende Krankheit gestoppt!“

„Dann ist die verheerende Krankheit gestoppt!“© Bilderbox.com

SPRIND, die Deutsche Bundesagentur für Sprunginnovation fördert drei neue Projekte. Mikroplastik-Entfernung aus Gewässern, Analogcomputer auf Chipgröße und der Kampf gegen Alzheimer spiegeln allesamt aktuelle gesellschaftspolitische Herausforderungen.

(Christian Czaak) In Österreich wurde „SPRIND“ als neue Förderstelle für radikale Innovationsprojekte einer interessierten Öffentlichkeit erstmals nach dem Auftritt bei der (ebenso neuen) Kapsch-Podcastreihe „Coffee, Tea, Technology“ bekannt. Letzten Jänner war Sprind-Boss Rafael Laguna Gast bei Kapsch BusinessCom-Vorstand Jochen Borenich und sprach über Hintergründe und Pläne dieser neuen deutschen Bundeseinrichtung als (neue) Heimat für radikale Neudenker (economy berichtete). Vorab dotiert mit einer Milliarde Euro (!), sollen primär disruptive Geschäftsmodelle unterstützt werden.

Laguna erörtere dabei die mitunter schwierige Gratwanderung zwischen: „Wie viel Verrücktheit darf man auf Staatskosten zulassen und wann ist eine Idee zu ausgefallen?“ – versus: „Gerade diese Ausgefallenheit hat Chancen eine neue Nische erfolgreich zu besetzen oder gar neu zu definieren“. Aktuell wurden nun drei neue Projekte ausgewählt. Alle drei spiegeln große aktuelle gesellschaftspolitische Herausforderungen, sie beschäftigen sich mit den Themen Umwelt, Digitalisierung und Gesundheit.

Eine Antwort innerhalb eines Tages
Das erste Sprind-Projekt mit der Beschreibung „Eine Makrolösung für das Mikroplastik-Problem“ behandelt primär die mittlerweile enormen Belastungen von Plastikabfällen in den Gewässern sowie die daraus folgenden und ebenso enormen Auswirkungen auf Mensch und Tier. Roland Damann, der Innovator des Projekts, gilt als Erfinder und Weltreisender in Sachen Wasserqualität. Bereits in den 1980er Jahren erfand Damann den sogenannten Aquatector®, ein System, das Aquakultur und Fischzucht global revolutionierte.

Mittels Anwendung der sogenannten Mikroflotation avancierte der Forscher zum Spezialisten für die Behandlung von Schmutzwasser. Dabei werden hydrophobe Partikel an Gasblasen gebunden und von den aufsteigenden Gasen an die Oberfläche transportiert. Das Verfahren ist an sich schon aus dem Mittelalter bekannt, Damann hat es weiterentwickelt, perfektioniert und globalisiert. Mikroflotation gilt als internationaler Standard, es gibt aktuell über 300 Referenzen in über 50 Ländern. Der Forscher erhielt dafür u.a. den Innovationspreis des Landes Nordrhein-Westfalen (NRW).

Anlass für Damanns Meldung bei Sprind war der Podcast „Start-Up-DNA“. „Ich fand das gut, neu und ziemlich inspirierend und hab‘ mich gleich mit meinem Projekt bei Sprind gemeldet. Irre war dann, dass ich gleich am nächsten Tag eine Antwort erhalten habe“, so Roland Damann zu Kontakt und Entstehung der Zusammenarbeit mit der Innovationsagentur. „Wir müssen Mikroflotation noch intelligenter machen“, unterstreicht der Forscher seinen Antrieb für die nächste Projektstufe.

„Digital ist nicht menschlich genug“
Im zweiten Sprind-Projekt mit der Beschreibung „Analogcomputer-On-A-Chip“ geht es um die Entwicklung eines Analogrechners auf einem Chip von der Kleingröße weniger Quadratmillimeter. Innovator Bernd Ulmann nennt als Vergleich Digitalrechner auf einem Chip. Allerdings: „Digital ist unterkomplex und auch nicht menschlich genug. Es kann nur analog geben!“, betont Ulmann. Sein Projekt wäre ein Sprung, der „die Signalverarbeitung in Handys oder medizinischen Implantaten wie etwa Hirnschrittmacher revolutionieren würde“.

Bernd Ulmann selbst gilt als Passionsdenker. Analogrechner faszinieren den Professor für Wirtschaftsinformatik an der Uni Frankfurt seit Teenagerzeiten, sein Haus ist Werkstatt und Museum zugleich und randvoll mit zum Teil riesigen Analogrechnern. Ulmann, auch der Vaxman (nach dem Computer VAX) genannt, erläutert: „Ein normaler digitaler Computer arbeitet programmgesteuert in einzelnen Schritten. Ein Analogrechner kennt keine Schritt-für-Schritt-Ausführung, alle Rechenelemente arbeiten hier parallel“.

Der promovierte Mathematiker und Philosoph (Unis Mainz und Hamburg; Doktorarbeit „Faszination Analogrechnen - Geschichte und Grundlagen elektronischer Analogrechner“) vergleicht analoge Rechner auch gerne mit dem menschlichen Gehirn: „Im Prinzip ist es so wie ein Nervensystem, wie das menschliche Gehirn, ganz biologisch. Nichts in der Biologie kann es sich leisten, sequenziell zu rechnen. Die Zukunft sind deshalb Analogrechner“, unterstreicht Ulmann.
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Der Mensch verliert alles, was seine Menschlichkeit ausmacht
Im dritten Sprind-Projekt widmet sich der auch international überaus renommierte Strukturbiologe Dieter Willbold der Alzheimer-Krankheit - eine Plage, die Gehirne und in Folge das Leben von Menschen zerstört. Der promovierte Biochemiker beschreibt einen Zerstörungsprozess in perfider Unaufhaltsamkeit. „Da gibt es ungefährliche Einzelproteine (Monomere) im Gehirn, die Abeta-Moleküle. Diese ballen sich zusammen und schaffen es toxisch zu werden. Und diese toxischen Knäuel (Oligomere) vermehren sich selbst auf Kosten der Monomere und lassen immer mehr Neuronen im Gehirn sterben“, so der Forscher.

Willbold unterstreicht: „Die Hirnmasse nimmt ab, der Mensch verliert nach und nach alles, was seine Menschlichkeit ausmacht.“ Im Kampf gegen Alzheimer verfolgt der Experte nun den Ansatz der kreativen und final heilsamen Zerstörung dieser toxischen Verbünde. In jahrelanger Forschung hat er einen Wirkstoff und insbesondere einen exakt abgestimmten Anwendungsprozess entwickelt. Das sogenannte PRI-002 ist ein All-D-peptid, Angaben zufolge günstig herstellbar und es wird einfach oral und nicht intravenös injiziert verabreicht. Willbolds Wirkstoff geht aktuell nun bereits in die klinische Testphase II, die wichtige Phase-I Studie an gesunden Probanden zur Prüfung der Verträglichkeit ist erfolgreich absolviert.

Für die Umsetzung seiner Prion-Forschungen und die Entwicklung seines Wirkstoffs PRI-002 hat der Alzheimer-Experte sein Unternehmen Priavoid gegründet. Zusammen mit SPRIND wird Willbold das Therapeutikum jetzt weiterentwickeln. „Der Wirkstoff ist wichtig, die Sprunginnovation liegt aber im Prozess. Dieser ist das Bahnbrechende: das Zerlegen neurotoxischer Protein-Verbünde in harmlose Monomer-Bausteine“, betont Dieter Willbold. Und: „Sind die toxischen Strukturen beseitigt, kann man die verheerende Krankheit stoppen!“

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red/Christian Czaak, Economy Ausgabe Webartikel, 15.04.2021