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29. Juli 2021

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Vermehrt negative Zinssätze bei Unternehmenseinlagen

Vermehrt negative Zinssätze bei Unternehmenseinlagen© Pexels.com/Anton Uniqueton

Coronabedingt führte die Geldpolitik des Eurosystems im Jahr 2020 zu sinkenden Geldmarktzinssätzen. Das sorgte auch bei kurzfristigen Unternehmenseinlagen für negative Zinssätze. Die Unternehmenseinlagen bei Banken stiegen trotzdem sprunghaft an.

(red/czaak) Das Kreditwachstum nichtfinanzieller Unternehmen stieg mit Ausbruch der Pandemie nicht zuletzt aufgrund von zahlreichen Hilfsmaßnahmen auf bis zu 7,2 Prozent im April 2020 und sank im weiteren Jahresverlauf bis Dezember auf exakt 5 Prozent - und damit auf das Niveau vor der Pandemie. Zusätzlich unterstützte der österreichische Bankensektor die inländischen Unternehmen mit Kreditstundungen in Milliardenhöhe, so die Österreichische Nationalbank (OeNB) in ihrer aktuellen Analyse des Geldmarktes.

Im Jahr 2020 war sowohl in Österreich als auch im Euroraum ein verstärktes Aufkommen negativer Zinssätze bei Unternehmenseinlagen zu beobachten. Im Dezember 2020 lag der kapitalgewichtete Durchschnittszinssatz für täglich fällige Unternehmenseinlagen erstmals in Österreich mit minus 0,002 Prozent im negativen Bereich. Der Zinssatz für kurzfristig neu veranlagte Einlagen mit einer Laufzeit von bis zu einem Jahr war bereits in der Vergangenheit negativ und wies im Dezember 2020 einen Wert von minus 0,14 Prozent auf.

Negative Zinssätze erstmals auch bei privaten Haushalten
Das Phänomen negativer Einlagenzinssätze war im Euroraum insgesamt weit verbreitet. Der Durchschnittszinssatz täglich fälliger Unternehmenseinlagen lag hier bei minus 0,01 Prozent, jener von Einlagen mit vereinbarter Laufzeit bei minus 0,2. In Deutschland schlugen sich negative Zinssätze bei kurzfristig neu vergebenen Einlagen mit vereinbarter Laufzeit von bis zu einem Jahr nicht nur bei Unternehmen (- 0,42 Prozent), sondern erstmals auch bei privaten Haushalten (- 0,01) auf den Durchschnittszinssatz durch. Trotz stärkerer Verbreitung der negativen Zinssätze stiegen Unternehmenseinlagen bei Banken im Jahr 2020 sowohl in Österreich (19,7 Prozent) als auch im Euroraum (19,4) sprunghaft an, wofür nicht zuletzt aufgeschobene Investitionen ein maßgeblicher Grund sein dürfte.

In Österreich sind negative Einlagenzinssätze auf Spareinlagen privater Haushalte aufgrund eines OGH-Urteils nicht möglich. Der Zinssatz für neue Einlagen mit vereinbarter Laufzeit von bis zu einem Jahr wies im Dezember 2020 einen Wert von 0,23 Prozent auf, der Euroraum-Vergleichswert lag bei 0,16. „Ob und in welchem Ausmaß sich aktuelle Marktentwicklungen (Rückzug aus dem Privatkundengeschäft einer großen Direktbank) in den Aggregaten niederschlagen, werden die Daten für März zeigen“, so die OeNB in einer Aussendung.

Höhere Dynamik im Euroraum
Die Kreditentwicklung nichtfinanzieller Unternehmen wurde im Jahr 2020 deutlich vom Ausbruch der COVID-19-Pandemie und den daraus folgenden Unterstützungsmaßnahmen beeinflusst. Sowohl in Österreich als auch im Euroraum kam es dadurch zu einer deutlichen Ausweitung des Kreditwachstums bei Unternehmen. Dieses erreichte in Österreich im April 2020 7,2 Prozent, nachdem es im Februar 2020 noch bei 5,4 gelegen war. In weiterer Folge sank das Kreditwachstum in Österreich im Dezember 2020 auf 5,0 Prozent - und damit auf das Niveau vor der Pandemie.

Im Euroraum hingegen war die Dynamik, die das Kreditwachstum durch die Pandemie bekommen hat, noch höher. Das entsprechende Kreditwachstum stieg – getrieben vor allem durch die Entwicklungen in Spanien, Italien und Frankreich – von 3,0 Prozent (Februar 2020) auf 7,4 im Mai 2020 und blieb auch in den Folgemonaten auf diesem Niveau bestehen (Dezember 2020: 7,1 Prozent). Die Abschwächung des Kreditwachstums in Österreich war insbesondere auf geringere Neukreditvergaben bei kurzfristigen Großkrediten über eine Million Euro zurückzuführen.

Hilfsmaßnahmen unterstützen Kreditwachstum bei Unternehmen
Dass die staatlichen Unterstützungsmaßnahmen bei den Unternehmen angekommen sind, zeigte sich an den im Vergleich zu 2020 deutlich höheren Neukreditvergaben bis 1 Mio. Euro. Speziell in der Kategorie mit einer Laufzeit von ein bis fünf Jahren waren die Neukreditvergaben mit fast 3 Mrd. besonders hoch. In diese Kategorie fallen Kredite mit staatlichen Überbrückungsgarantien bis 500 Tsd. und einer Laufzeit von maximal fünf Jahren und einem Zinssatz von 0,0 Prozent. In Summe wickelten österreichische Banken im Jahr 2020 Kredite mit Garantien in Höhe von 6,8 Mrd. Euro ab. 2019 waren es noch 1,4 Mrd. Euro.

Neben der Mitwirkung an den staatlichen Garantieprogrammen stundete der österreichische Bankensektor Unternehmen und Haushalten Kredite in Milliardenhöhe. Der Anteil der im Zuge der Pandemie gestundeten Kredite am gesamten aushaftenden Kreditvolumen privater Haushalte und nichtfinanzieller Unternehmen erreichte im Juni 2020 seinen Höchstwert bei rund 9 Prozent. Dabei wurden rund 206.000 Kredite von österreichischen Banken mit einem Kreditvolumen von rund 30,6 Mrd. Euro gestundet. Bis Jahresende ging das gestundete Kreditvolumen auf 14,1 Mrd. Euro zurück. Davon entfielen 5,6 Mrd. Euro auf Kredite an den Unternehmenssektor und 8,5 Mrd. Euro auf Kredite an private Haushalte (alle Angaben laut Berechnungen der Österreichischen Nationalbank).

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red/czaak, Economy Ausgabe Webartikel, 22.03.2021