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29. Juli 2021

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Hybrider Qualitätsjournalismus mit YouTube

Hybrider Qualitätsjournalismus mit YouTube© Pexels.com/Terje Sollie

Studie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften untersuchte Rollenverständnis von PublizistInnen auf YouTube, deren Anspruch als Modernisierer des Journalismus und Relationen zu klassischen Medien.

(red/mich) YouTube ist nach Google die zweitgrößte Suchmaschine der Welt, die größte Videosharing-Plattform auf der auch klassische Medienhäuser ihre Inhalte publizieren und wo zudem zahlreiche politische Kommentare zu finden sind. Für viele junge Menschen ist YouTube der erste und oftmals auch einzige Informationskanal. Eine Ausnahme ist „Funk“, ein eigens für Social-Media-Kanäle entwickeltes Angebot der öffentlich-rechtlichen Sender in Deutschland.

Mit unterschiedlichen Videoformaten zum politischen und gesellschaftlichen Tagesgeschehen sollen hier primär Menschen zwischen 14 und 29 Jahren erreicht werden. Eine Forschungsgruppe rund um die Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW) hat nun das Rollenverständnis journalistischer YouTuber-Innen untersucht und 16 journalistische YouTuber/innen in- und außerhalb des Funk-Netzwerkes nach ihren Motivationen, Strategien und Professionalisierungstendenzen befragt.

„MrWissen2go“ oder „Die da oben!“
Die Publizisten auf Funk heißen „MrWissen2go“ oder „Die da oben!“, sie experimentieren mit Social Media und Apps und probieren aus, wie man auf YouTube Wissen rund um Politik, Geschichte und das aktuelle Zeitgeschehen vermitteln kann. Die Ergebnisse der Studie zeigen, „dass Qualitätsjournalismus und YouTube kein Widerspruch sein müssen und alte wie neue Medienmacher voneinander lernen können“, so die ÖAW in einer Aussendung.

„Journalistische YouTuber nehmen eine Brückenfunktion ein, um ein jüngeres Publikum an politische Berichterstattung heranzuführen und sie in den medialen Diskurs zu integrieren“, erläutert Dennis Lichtenstein, Studienautor und Forscher am Institut für vergleichende Medien- und Kommunikationsforschung der ÖAW.

Vermittlung eine Art von Gamification
Den JournalistInnen auf YouTube geht es dabei weniger um nüchterne Berichterstattung, mit einer Mischung aus Information, Faktencheck, Kommentar und Humor werden Nachrichten zum politischen und gesellschaftlichen Tagesgeschehen emotional und mitunter auch spielerisch vermittelt.

„Für einen generationenspezifischen Journalismus ist auch eine Art von Gamification ein Thema. Information darf unterhaltend sein und Emotionalisierung soll zur Diskussion anzuregen. Es geht darum, die User zur Meinungsbildung anzuregen“, ergänzt Lichtenstein. Journalistische YouTuber sehen das „als Beitrag zur Modernisierung des Journalismus“, so ein Befund der Studie.

Persönlicher Kontakt auf Augenhöhe
Was die YouTube-Journalisten den meisten traditionellen Redakteuren voraushaben, ist der Austausch auf Augenhöhe mit dem Publikum. So pflegen auch die Studienteilnehmer den direkten Kontakt mit den Usern und betreiben professionelles Audience-Management. Zudem passen sie ihre Nachrichtenformate der Netzwerklogik an und versuchen, das Publikum anzuregen, über ihre privaten Netzwerke die Inhalte zu teilen und so die Reichweite zu steigern.

Ein weiteres Ergebnis der Studie: Qualitätsjournalismus auf YouTube funktioniert dann am besten, wenn die Nachrichtenmacher in öffentlich-rechtliche Netzwerke eingebunden sind. „Die im Funk-Netzwerk integrierten YouTuber können sich die redaktionelle Unterstützung und die professionellen Standards der Medienorganisationen zunutze machen. Das hebt die Qualität der Recherche“, so Lichtenstein

Gegenseitiger Nutzen
Davon profitieren aber nicht nur die JournalistInnen auf YouTube, sondern auch die öffentlich-rechtlichen Sender. Während etablierte Medien vor allem bei den Jungen immer mehr an Publikum verlieren, können sie Jugendliche durch innovative Formate auf YouTube dort erreichen, wo sie nach Informationen suchen. Anders als schlecht recherchierte oder populistische Meinungsvideos leisten journalistische YouTuber/innen damit einen wichtigen Beitrag zur Information und Meinungsbildung.

„Wir dürfen das Feld nicht den Populisten und Verschwörungstheoretikern überlassen. Unsere Studie zeigt: Qualitätsjournalismus auf YouTube funktioniert, mit entsprechender Förderung im Hintergrund“, resümiert Dennis Lichtenstein, Studienautor und Forscher am Institut für vergleichende Medien- und Kommunikationsforschung. Die Ergebnisse der ÖAW-Studie wurden auch im renommierten britischen Fachmagazin Journalism-Studies publiziert.

Links

red/mich, Economy Ausgabe Webartikel, 11.06.2021