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22. November 2019

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Die Schicksale abgestürzter Alliiertenflieger

Die Schicksale abgestürzter Alliiertenflieger© Bilderbox.com

Im zweiten Weltkrieg stürzten über Österreich rund 1.000 Flieger mit 8.000 alliierten Besatzungsmitgliedern ab. In einem Projekt der Akademie der Wissenschaften untersucht und publiziert das Haus der Geschichte deren Schicksal.

(red/czaak) Ab 1943 flogen die Alliierten Angriffe gegen Österreich und ab 1944 auch gegen Ungarn. Dabei stürzten über 1.000 Flugzeuge und mit ihnen mehr als 8.000 Besatzungsmitglieder ab, die oftmals von der Bevölkerung äußerst brutal behandelt und auch ermordet wurden. Gefördert von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (OeAW) werden am Haus der Geschichte Österreich ihre Schicksale untersucht und durch eine neue Website öffentlich zugänglich gemacht.  
 
Der Luftkrieg durch die Alliierten, etwa gegen die Industrie in Linz oder Wiener Neustadt, ist einer breiteren Öffentlichkeit mehrheitlich bekannt. Deutlich weniger bewusst sind hingegen die abgestürzten Flugzeuge und ihre Besatzungsmitglieder, die von der einheimischen Bevölkerung, insbesondere von Angehörigen des NS-Regimes, mit teilweise größter Brutalität behandelt wurden. Die verübten Verbrechen reichen von unterlassener Hilfeleistung und Versorgung über Beschimpfungen und Misshandlung bis hin zu Lynchmorden. 

Absturzorte und Schicksale der Soldaten
Die Historikerin Nicole-Melanie Goll vom an der Österreichischen Nationalbibliothek angesiedelten Haus der Geschichte Österreich (hdgö) erforscht nun die Schicksale von rund 8.300 Besatzungsangehörigen aus 1.058 US-amerikanischen und britischen Flugzeugen, die im Einsatz über dem heutigen Österreich und Ungarn abgestürzt sind.

Auf einer digitalen Landkarte können die teilweise sehr unterschiedlichen Kriegserfahrungen, Absturzorte und Schicksale der Soldaten nach dem Absturz nachgeschlagen und nachvollzogen werden. Die digitale Landkarte wurde vom Austrian Centre for Digital Humanities der ÖAW umgesetzt. 

Lynchmorde seit 1945 bekannt 
Ursprünglich kam das Thema von gelynchten Besatzungen bereits im Oktober 1945 auf. Hier untersuchten britische Einheiten potenzielle Kriegsverbrechen in Österreich und fahndeten nach Vermissten. Nach mehreren Zeugenaussagen zu Ermordung eines alliierten Piloten, nahm dann auch das US-Kriegsministerium Ermittlungen auf. Im Falle des afroamerikanischen Piloten Walter P. Manning wurde dieser in der Nacht vom 3. auf den 4. April von Unbekannten aus seiner Gefängniszelle geholt, schwer misshandelt und an einem Laternenpfahl erhängt.

Die Untersuchung des Mordes wurde im Nachkriegsösterreich kaum weiterverfolgt. Erst 73 Jahre nach seinem Tod, am 3. April 2018, wurde am Fliegerhorst Linz-Hörsching eine Gedenktafel für Walter P. Manning enthüllt. Nach Recherchen von Nicole-Melanie Goll und Georg Hofmann (Projektleitung), war Mannings Tötung alles andere als ein Einzelfall. „Wir waren selbst vom Ausmaß der Lynchtötungen überrascht, vor allem aber, dass sie mit Mai 1944 im gesamten Deutschen Reich gleichzeitig einsetzten“, so Goll. Das Thema sei, anders als der Luftkrieg selbst, noch viel zu wenig im Bewusstsein verankert und zudem lange unerforscht geblieben. 

Motivation des NS-Regimes 
Warum griff die Bevölkerung in so vielen Fällen auf Lynchjustiz zurück? Einer der Gründe war, dass die deutsche Luftwaffe den alliierten Luftbombardements ab Ende 1943 kaum mehr militärisch begegnen konnte, woraufhin die NS-Propaganda Wege suchte, die Kriegsmoral der Bevölkerung aufrecht zu erhalten. Der Luftkrieg, vom Deutschen Reich in den ersten Kriegsjahren nicht minder aggressiv gegen die Zivilbevölkerung etwa in Warschau oder Coventry eingesetzt, wurde von der NS-Propaganda als „Verbrechen“ tituliert. Gegnerische Flugzeugbesatzungen wurden als „Kindermörder“, „Lufthunnen“ und „Luftgangster“ bezeichnet.

Im Mai 1944 schließlich erließ das NS-Regime den Beschluss, dass die geeignete Maßnahme nach Abstürzen von feindlichen Flugzeugen das „Lynchen“ von Fliegerbesatzungen durch die Bevölkerung sei. Auf diese Weise wurden Wut und Zorn über die Luftangriffe kanalisiert und vom Regime weggelenkt - und die Gewaltexzesse sowohl durch NS-Personal wie auch die Zivilbevölkerung starteten. „Die Folge sind die bis heute tabuisierten Fliegermorde, denen in Österreich und Ungarn 101 Flieger und im gesamten Deutschen Reich wohl Tausende zum Opfer fielen“, unterstreicht Goll. 

Digitale Landkarte
Vor diesem historischen Hintergrund arbeiten die Historiker seit zwei Jahren am Forschungsprojekt „Downed Allied Aircrew Database Austria“, das alle auf dem Gebiet des heutigen Österreich abgestürzten Flugzeuge dokumentiert. Auf der dazugehörigen Website werden die Ergebnisse des Projekts der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. 

Damit ist es erstmals möglich, das Schicksal einzelner Flieger von ihrem Absturz, der Gefangennahme durch Zivilbevölkerung, Gestapo, Wehrmacht oder Luftwaffe bis hin zu den unterschiedlichen Orten ihrer Kriegsgefangenschaft nachzuvollziehen. Auch bisher unbekannte Vermisstenschicksale können so geklärt werden, so die OeAW in einer Aussendung. Die Grundlage dafür ist Archivmaterial aus Österreich, Deutschland, Großbritannien und den USA, das die Forscher erstmals wissenschaftlich erschlossen haben. 

Das Projekt läuft vorläufig noch bis Ende 2019, die Forscher planen aber eine Verlängerung. Denn erschöpfend erforscht sind die abgestürzten Flieger noch nicht: Von mindestens 200 Piloten fehlt bis heute jede Spur. Das Team hofft, auch über ihr Schicksal nach dem Absturz noch mehr herausfinden zu können. Die in Zusammenarbeit von Österreichischer Akademie der Wissenschaften und Haus der Geschichte Österreich aufgebaute Website „Downed Allied Aircrew Database Austria“ erfasst und visualisiert dabei westalliierte Flugzeugabstürze während des Zweiten Weltkrieges im heutigen Österreich.

Links

red/czaak, Economy Ausgabe Webartikel, 10.09.2019