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Die Mönche und die Shell-Tankstelle

Die Mönche und die Shell-Tankstelle (EPA)Foto: EPA

Das Stift Heiligenkreuz verwaltet Betriebe mit 180 Mitarbeitern. Die Mönche selbst sind Popstars, deren CD Chant weltweit die Charts erobert hat. Fragt sich: Was passiert mit all den Einnahmen?

Wunder sind in einem Kloster gut aufgehoben. Im Stift Heiligenkreuz im Wienerwald ereignete sich so ein Wunder vor knapp zwei Jahren. Anfang 2008 schickte ein Freund des Klosters eine Hörprobe mit gregorianischen Chorälen, gesungen von den Heiligenkreuzer Mönchen, unkommentiert an Universal. Der Musikgigant war schon seit Wochen weltweit auf der Suche nach den „most beautiful sacred voices“. Die singenden Mönche bekamen den Zuschlag und produzierten die CD Chant – Music for Paradise. Diese sollte die Charts auf der ganzen Welt stürmen und sich bis heute rund eine Million Mal verkaufen.
Auf finanziellen Segen aus heiterem Himmel müssen sich die 80 Mönche im zweit­ältesten Zisterzienserstift der Welt aber nicht verlassen. Seit dem 12. Jahrhundert betreibt das Stift Weinbau, Landwirtschaft, Forstwirtschaft und Gastronomie. Sogar eine Backhendlstation bei Gumpoldskirchen und die Heiligenkreuzer Shell-Tankstelle gehören zum örtlichen Imperium, für das 180 Mitarbeiter werken.

Mehr als Imagepflege

Fragt sich: Was passiert mit all den Einnahmen? Die CD spielte bis jetzt 500.000 Euro ein, 2008 kamen rund 600.000 Euro an Agrarförderungen aus dem Topf der Europäischen Union dazu. „Die Einnahmen aus der CD gehen zur Gänze in die Priesterausbildung. Wir haben derzeit acht Studenten aus Vietnam, fünf aus Nigeria und je einen aus Syrien und Ungarn. Wir unterhalten die einzige Ordenshochschule Österreichs und bekommen dafür keinen Cent von der Bischofskonferenz oder den Diözesen“, erklärt Pater Karl der Pressesprecher des Stifts, und fügt eilig hinzu: „Wenn es uns um Profite ginge, hätten wir in der Stadthalle singen können. Das hätte uns auf einen Schlag 200.000 Euro gebracht.“
Der Pater schlägt nach eigenen Angaben zwei Anfragen pro Tag in den Wind, sei es etwa für die Eröffnung eines Glühweinstandes oder für eine Charity-Gala zur Erhaltung eines baufälligen Klosters. „Wir sind kein Wanderzirkus, wir singen nur innerhalb der Wände unseres Stiftes.“ Pater Karl selbst machte eine Ausnahme und setzte sich bei Thomas Gottschalk auf die Wetten, dass …?-Couch. Aber ohne zu singen.

Reine Selbsterhalter
Und wohin fließen die Profite aus den Betrieben – vom Sägewerk über die Gasthäuser, den Weinverkauf, den Klosterladen bis hin zu besagter Tankstelle? „Wir sind 80 Mönche. Von der Zahnbürste bis zur Einrichtung der Zimmer – was glauben Sie, was es kostet, so eine große Familie zu erhalten“, erklärt Pater Josef, der seit neun Jahren die Finanzen des Stifts über hat. „Dazu kommen die Investitionen. Bei 1200 Hektar, die wir bewirtschaften, brauchen wir ordentliche Mähdrescher und Traktoren. Und im denkmalgeschützten Kloster müssen wir regelmäßig renovieren.“
Heiligenkreuz ist zu 100 Prozent autark. In Österreich sind Stifte traditionell Selbstversorger, die Kirchenbeiträge der Österreicher fließen an ihnen vorbei – an die Diözesen, die Pfarren, die Caritas oder die Verwaltung des Kirchenapparats. Heuer sei wegen der CD-Einnahmen ein gutes Jahr, mittelfristig liefe das Verhältnis aus Einnahmen und Kosten auf ein „Nullsummenspiel hinaus“, meint Pater Josef.

Wirtschaften wie alle
Bleibt Geld übrig, wird es ganz normal auf die Bank gelegt. Ein Zinsverbot wie im Islam kennt das Christentum nicht. Die Stiftsbetriebe halten sich an die Regeln der freien Marktwirtschaft. Einzige Einschränkung: In jeder Sparte müssen einige Menschen unterkommen, die nicht die volle Leistung bringen können, weil sie behindert oder sozial benachteiligt sind. „Ansonsten führen wir unsere Geschäfte unter denselben Bedingungen wie andere Marktteilnehmer. Die Leiter der Betriebe sind Spezialisten. Wir müssen immerhin von den Einnahmen leben“, meint der Pater.
Ist eine Sparte defizitär, bleibt es nicht bei Gebeten. Das Defizit wird mit Marketing, Innovation und externer Beratung bekämpft – wie jetzt beim Weinbau. In Thallern bei Gumpoldskirchen, wo auch die Backhendlstation steht, wird seit 800 Jahren Wein angebaut. Doch Tradition allein macht die 30 Hektar nicht profitabel. Deswegen soll der Wein nun besser und bekannter werden. Die Heiligenkreuzer haben sich zwei Größen aus der Branche zu Hilfe geholt, den Rotweinspezialisten Aumann aus Tribuswinkel bei Baden, der den roten Stiftswein gaumenfreudiger macht, und den Kapazunder Polz aus der Südsteiermark, der den Mönchen bei der Vermarktung hilft.

Marke Heiligenkreuz
Die Marketing-Offensive für den Stiftswein kommt zur rechten Zeit. Denn die CD hat den Wert der „Marke“ Heiligenkreuz und deren Bekanntheitsgrad deutlich gesteigert. Das wird sicherlich auch dem Wein helfen.
Im Vergleich zu Melk oder Göttweig führt Heiligenkreuz ein Randdasein, obwohl im Kapitelsaal des Klosters nicht weniger als vier regierende Herrscher aus dem Geschlecht der Babenberger begraben sind. Was die Kapuzinergruft für die Habsburger, ist Heiligenkreuz für die Babenberger.
Positiv am Randdasein: Selbst nach dem Chart-Sturm der singenden Mönche gibt es in der Kirche noch reichlich Platz, um den gregorianischen Hits täglich „live“ zu lauschen, um 5 Uhr 15 in der Früh geht es los, gegen sechs Uhr ertönt die letzte Lobpreisung. Zum Klingelbeutel gibt es in Heiligenkreuz genügend Alternativen: im Klostershop die CD, im Stiftsgasthaus ein Achterl Heiligenkreuzer und an der Tankstelle Benzin für die Rückfahrt.

Stift Heiligenkreuz
Das Stift Heiligenkreuz liegt im Herzen des Wienerwaldes. Es wurde 1133 von Leopold III., genannt der Heilige, gegründet und beherbergt Gräber von vier Babenberger-Herrschern. Seit seiner Gründung ohne Unterbrechung „in Betrieb“, ist es das zweitälteste Zisterzienserstift. Derzeit leben dort 80 Mönche und rund 20 Priesterstudenten aus Afrika, Asien und Europa.


Clemens Neuhold, Economy Printausgabe 79-12-2009, 18.12.2009 Artikel mailen
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