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19. November 2018

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„Making the Black Box Speak.“

„Making the Black Box Speak.“© Syl-Eckermann.net

Künstlerische Demonstration versus künstlich automatisierte Wirklichkeitssimulation. Die Medienkünstlerin Sylvia Eckermann behandelt beim heurigen Act der Kunstserie „The Future of Demonstration“ in der Episode „Making the Black Box Speak“ das Thema Technokapitalismus und die daraus entstehende Krise der repräsentativen Demokratie.

(Christian Czaak) Im Leben eines Journalisten gibt es manchmal Momente, wo der grundsätzlich immer angebrachte Respekt vor einem zu beschreibenden Inhalt in Angespanntheit wechselt. Das ist dann der Fall, wenn dieser Inhalt auf einem überaus hohen qualitativen Niveau passiert - und man entsprechend bemüht ist diesem Niveau auch in der Transkription zu entsprechen.
Im Falle der aktuellen textlichen Wiedergabe der von Sylvia Eckermann und Gerald Nestler erdachten und gemeinsam mit Maximilian Thoman sowie zahlreichen themenspezifisch spezialisierten Protagonisten umgesetzten Kunstserie „The Future of Demonstration“ ist daher die subjektive Betrachtung und Wiedergabe als kritischer Mensch und Kunstkonsument sicherer. Auch wenn das Urteil als Kunstkritiker weitaus einfacher wäre: Beeindruckendste Kunstform und Kunstact seit Jahren, auch nach Besuchen diverser Biennalen, heimischer Kunsthallen und Museen moderner Kunst, Baseler Kunstmessen oder gar (kontinuierlich flacher) Open Spaces heimischer Kunstuniversitäten.

Neue Kunstserie mit zwei Leitthemen und acht Episoden
„The Future of Demonstration“ ist eine über 2017 und 2018 laufende Kunstserie und beinhaltet in Summe acht Episoden zu den zwei Leitmotiven „Vermögen“ (im Vorjahr) und „Passion“ nun heuer. Siehe dazu nebenstehenden Bericht „Transmediale Kunst als Zukunft der Demonstration.“
2017 wurde „Vermögen“ mit fünf Episoden im Wiener Reaktor abgehandelt, die gleichnamige Lichtshow von Sylvia Eckermann lief am Uniqa-Tower. Heuer gastierte der Kunstact mit dem Leitthema „Passion“ nun von 20. bis 25. Oktober im Wiener Atelier Augarten und die parallel von Sylvia Eckermann gestaltete Lichtshow „Escalator“ passierte wieder am Wiener Uniqa-Tower. Die Themen der diesjährigen drei Episoden waren „Supra-Citizenship“, „Was tun?“ und „Making the Black Box Speak“.

Gemeinsame Imagination und Aktion in den Vordergrund
Economy war am 24. Oktober zur Episode „Making the Black Box Speak“ eingeladen und erfuhr dabei von Sylvia Eckermann auch das grundsätzliche Konzept der Kunstreihe: „Wir lehnen die klassische Trennung von Kunst und Diskurs in Ausstellung, Konferenz und Dokumentation ab. Stattdessen stellen wir gemeinsame Imagination und Aktion in den Vordergrund“, so Eckermann. „Kunst, Theorie und Technologie werden gemeinsam zu Foren der Auseinandersetzung, die aktuelle Fragen und Entwicklungen der Zeit jenseits von Disziplinengrenzen erörtern.“
Die einzelnen Episoden stellen jeweils eine Plattform dar, auf der sich Kompetenzen aus Kunst, Architektur, Film, Theorie, Wissenschaft und Aktion performativ verschränken. Jede Episode ist sodann performativer Raum, installatives Setting, künstlerisches Environment, Diskursraum und Filmset. „Die Mitwirkenden arbeiten auf Basis ihrer jeweiligen Kompetenzen und Erfahrungen zusammen. Sie bilden Allianzen und gehen gemeinsam der Frage nach, was die Formate, Werkzeuge, Diskurse und Plattformen der Kunst des 21. Jahrhunderts vermögen“, so Eckermann weiter.

Das neue Vermögen von Widerstand und Solidarität
Die Episode „Making the Black Box Speak“ wurde künstlerisch primär von Eckermann konzipiert und beinhaltete mit bildender Videokunst, Gesang, Performance, Diskussion, Besucherinteraktion und Aktionismuseinlagen zahlreiche dramaturgisch und inhaltlich aufeinander abgestimmte Elemente. Die einzelnen Szenen und künstlerischen Elemente liefen mitten unter den rund 250 Besuchern ab und integrierten sie gleichzeitig als von den erörterten Themen Betroffene und künstlerisch Mitwirkende. Diskursive und interaktive Kunst in Bestform. Zur besseren Veranschaulichung dient das beigefügte Video.
Inhaltlich wiedergegeben erforscht „Making the Black Box Speak“ das neue Vermögen von Widerstand und Solidarität in einer vom Akzidentiellen geprägten Zeit. „Die Logik der Black Box erzeugt dabei neue Machtungleichgewichte, wo Information zunehmend verschleiert oder manipuliert wird - und so der Allgemeinheit entzogen. Informationsasymmetrien erweisen sich als probate Mittel, um Wettbewerbsvorteile zu erzielen, Risiken auszulagern und Einflusssphären zu erweitern“, erläutert Eckermann.

Der Technokapitalismus und die Krise der repräsentativen Demokratie
Indem der Technokapitalismus politische und ökonomische Handlungspotentiale beschränkt und neue Methoden der Ausbeutung und Diskriminierung schafft, stürzt er die repräsentative Demokratie in eine tiefe Krise. „Die Verlagerung von repräsentativen zu performativen Manifestationen von Macht erzeugt eine Realität, in der soziale Beziehungen und Klassen neu arrangiert werden“, so die Medienkünstlerin weiter.
Im nächsten Schritt ist der Zugang zur Black Box mittels direkter Aktion und Kritik nun jedoch versperrt und die Black Box unterbricht nicht nur den Fluss der Information, sie operiert prinzipiell verdeckt und diskret. Um dagegen mobil zu machen, fokussiert diese dritte Episode sodann auf den englischen Begriff Resolution – und dieser verweist auf das, was wir sehen und erkennen und somit neben Bildauflösung auf Wissensproduktion, Entscheidungsfindung und – wie im Deutschen – gemeinsamen Beschluss.

Eine Allianz als strategische Neuausrichtung
Um nun die Black Box „zum Sprechen zu bringen“ braucht es eine strategische Neuausrichtung in Form einer Allianz mit der prekären Figur der renegade, die sich beispielsweise als WhistleblowerIn oder AktivistIn vom System abwendet. Häufig als VerräterIn gebrandmarkt, sind seine/ihre Enthüllungen jedoch heute ein unerlässlicher Beitrag zur Aufklärung und in dieser Ambivalenz und Marginalität verkörpert der/die VerräterIn die revolutionäre Figur unserer Zeit.
„Was heute auf dem Spiel steht und sich unsichtbar in uns einschreibt betrifft uns geistig wie körperlich, affektiv wie sozial, materiell wie performativ“, betont Eckermann. Die Episode demonstriert daher, wie der semantische Reichtum von Resolution in Allianz mit Renegade Activism Wissen und Handlungspotentiale herstellen kann – und zitiert dazu auch die US-Naturwissenschaftlerin und Frauenforscherin Donna Haraway mit „Staying with the trouble‘ by raising trouble.“

Die Ablöse etablierter Formen von Kritik
In Summe untersucht „Making the Black Box Speak“ wie man gegen Informationsasymmetrien vorgehen kann. „Es geht darum, etablierte Formen von Kritik – gerade auch in der Kunst – durch neue Strategien gemeinsamer Auflehnung abzulösen“, resümiert Sylvia Eckermann.
Die Mitwirkenden bei „Making the Black Box Speak“ waren: Haim Bodek, Sylvia Eckermann, Maya Indira Ganesh, Florentina Holzinger, Volkmar Klien, Gerald Nestler, Peng! Collective, Denis „Jaromil“ Roio, Solucat E-Phife, Technopolitics Research Group, Übermorgen feat., Zenker & Stefer Endres. Die Gesangseinlage kam vom Vocal Ensemble Christine Gnigler, Lorina Vallaster und Joachim Rigler. Data bodis: Jon Eckermann und Elisa Winkler. Special Guest Appearance: Frank Pasquale.
Idee und künstlerisches Konzept stammt von Sylvia Eckermann und Gerald Nestler. Gemeinsam mit Maximilian Thomas verantworten sie auch die künstlerische Gesamtleitung. Das Video wurde in Zusammenarbeit mit OKTO TV umgesetzt.

(Anm. der Redaktion: Einzelne Textpassagen wurden vom Programmheft der Kunstserie „The Future of Demonstration“ übernommen.)

Links

red/czaak, Economy Ausgabe Webartikel, 02.11.2018