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24. August 2016

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Strictly Privat

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Ein Projekt des Wissenschaftsfonds FWF untersucht die Rolle von Überwachung und Privatsphäre bei Nutzern sozialer Medien. 90 Prozent der Befragten sind besorgt um ihre Privatsphäre, haben aber wenig Wissen über Datenüberwachung.

Knapp 3,5 Millionen Österreicher sind auf Facebook registriert, bei Personen bis zu 26 Jahren sind es über eine Million. Auf Platz zwei und drei der beliebtesten Online-Netzwerke folgen laut einer Umfrage der Online-Agentur Liechtenecker (aus 2014), WhatsApp und Google+. Weltweit, so Facebook kürzlich, wurde die Marke von einer Milliarde Nutzer innerhalb eines Tages geknackt.
Im Projekt des Wissenschaftsfonds FWF "Social Networking Seiten in der Überwachungsgesellschaft" hat die Forschungsgruppe "Unified Theory of Information" erstmals für den deutschsprachigen Raum das Wissen und die Meinung der Nutzer von sozialen Medien zu den Themen Überwachung und Privatsphäre analysiert. Dabei haben die Experten auch erforscht, wie diese Aspekte mit ihrem Verhalten im Internet korrelieren. In Interviews und einer Onlineumfrage mit 3558 Teilnehmern wurden Studierende in Österreich im Durchschnittsalter von 25 Jahren befragt.

Wissenslücken und Skepsis
Die Ergebnisse zeigen, dass das Wissen über Datenschutz und Überwachung bei 70 Prozent der Befragten gering ist. Gleichzeitig zeigen sich fast alle Befragten (90 Prozent) besorgt um ihre Privatsphäre. Das entspricht aktuellen europaweiten Umfragen. 84 Prozent sind weiters kritisch gegenüber Überwachung. "Wir sind hier mit einem Paradoxon konfrontiert: Nutzer sind kritisch und besorgt, wenn es um die Verletzung der Privatsphäre geht, haben aber kaum Wissen darüber, was mit ihren Daten passiert", sagt Christian Fuchs, Leiter der Forschungsgruppe und Professor für Internetforschung an der Universität Westminster.
Das Problem sei, dass Überwachung weitgehend unsichtbar und versteckt erfolgt, was auch anhand der Aufdeckungen Edward Snowdens deutlich geworden ist, erklärt Fuchs. "Die Öffentlichkeit hatte keine Ahnung, dass Geheimdienste in Kooperation mit Kommunikationsunternehmen wie Facebook, Google, Microsoft oder Apple und privaten Sicherheitsunternehmen eine Massenüberwachung des Internets durchgeführt haben." Das Argument, dass Massenüberwachung Terrorismus und Kriminalität verhindern würde, führe jedoch zur Aushöhlung der Bürgerrechte, warnt der Forscher.

Kaum alternative Soziale Medien
Auch die Datenschutzbestimmungen lassen den Nutzern der sozialen Medien nur wenig Spielraum. Und Alternativen, wie etwa nicht kommerzielle Plattformen, sind nach wie vor rar. Dabei sprechen sich die User klar für institutionelle und materielle Unterstützung zur Entwicklung alternativer Formen aus. Zudem wünschen sie sich mehr zwingende Rechtsvorschriften.
Etwa, dass personalisierte Werbung erst nach Zustimmung möglich ist, durch ein sogenanntes Opt-in. Hier tun sich komplexe Probleme auf: Die internationalen Unternehmen wie Facebook und Google profitieren enorm von den Werbeeinnahmen, zahlen in Europa aber keine Steuern, wodurch sie in den vergangenen Jahren auch unter Kritik geraten sind.

Regulierung und Diskurs
Fuchs schlägt eine Besteuerung entsprechend dem Anteil der Nutzer in den einzelnen Ländern vor. "Dazu bedarf es aber einem koordinierten steuerlichen Vorgehen der EU", betont Fuchs. Generell könnte Werbung, und dabei auch personalisierte Onlinewerbung, seiner Meinung nach mehr besteuert werden. Mit den Einnahmen dieser gleichsam "partizipativen Mediengebühr" könnte wiederum in nicht kommerzielle Projekte investiert werden.
Großbritannien beispielsweise hat einen ersten Schritt gesetzt und 2014 eine sogenannte "Google-Steuer" eingeführt. Sollen gesetzliche Regelungen und Alternativen zu kommerziellen Plattformen Realität werden, braucht es eine breite öffentliche Diskussion, so die Experten. Zivilgesellschaftliche und öffentlich-rechtliche Internetplattformen müssten generell gestärkt werden. Der Ruf nach Alternativen ist jedenfalls da, wie die Studie belegt.

Links

red/czaak, Economy Ausgabe Webartikel, 28.09.2015