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15. Dezember 2018

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„Ich habe einfach daran geglaubt.“

Video: 

(St. Pölten; Video/Text; german/english) Vergleicht man in Österreich längerfristige Standort-Strategien, dann steht Niederösterreich unangefochten auf dem obersten Stockerlplatz. Das Land war frühzeitig initiativ und kontinuierlich in der Weiterentwicklung.

Economy sprach mit Landeshauptmann Erwin Pröll über entscheidende Standortfaktoren, Beharrlichkeit zur Beseitigung widriger Begleitumstände und über das Weinviertel als Quelle für Kraft und Innovation.

Economy: Herr Landeshauptmann, vergleicht man die standortpolitischen Aktivitäten des Landes, dann hat NOe vergleichsweise früh mit spezifischen wie flächendeckenden Maßnahmen im Bereich Forschung und Wissenschaft begonnen.
Pröll: „Die Herausforderung der letzten Jahrzehnte bestand darin, dass wir aus einem Bundesland mit alten Industriestandorten eine zukunftsträchtige, technologisch hochwertige Region machen.
Es musste hier intensiv investiert werden, um hochtechnologisch eines Tages auch international reüssieren zu können.
Das war die Grundüberlegung warum wir das IZ-Süd voranentwickelt haben, zudem regionale Innovationszentren flächendeckend situiert und vor allem auch grenzüberschreitende Gewerbe- und Industrieparks. Dieses Europa wird eines Tages zusammen wachsen“.

Wir haben uns, auch längerfristig und im Vergleich betrachtet die Themen Innovation, Technologie, Forschung und Wissenschaft angeschaut.
Welche spezifischen Erfahrungen sind hier erwähnenswert?

„Zunächst die Notwendigkeit in hochtechnologische Bereiche zu investieren, natürlich mit entsprechendem Risiko behaftet. Dort, wo man in eine neue Entwicklungsphase hineingeht, muss man wissen, dass das eine oder andere Investment auch verloren gehen kann. Dieses Risiko haben wir auf uns genommen.
Dann war es für uns wichtig den Zielkonflikt zwischen hochentwickeltem Wirtschaftsgebiet und Wohnqualität sensibel zu orten und ihn auch aufzulösen. NOe soll auf dem Weg in die Zukunft aus einem Land der rauchenden Schlote zu einem Land der rauchenden Köpfe werden.
Die Hoffnung ist, dass wir durch Investition in Hirnschmalz zusätzliche Arbeitsplätze schaffen und vor allem Lebensqualität und Einkommen für den Einzelnen erhöhen.
Eine Chance liegt auch darin, dass eine gut funktionierende, flott arbeitende Verwaltung der wesentlichste Konkurrenzfaktor im Konkurrenzfeld zwischen den einzelnen Standorten ist.“

Stichwort nochmals Innovation und Forschung. Ich möchte aus der Fülle an Aktivitäten das ISTA und das MedAustron herausgreifen. Das ISTA in Klosterneuburg wurde seinerzeit gegen erbittertsten Widerstand der Forschungs-Community und teilweise auch Politik durchgezogen. Die letzte internationale Evaluierung war abermals überaus positiv.
Späte Genugtuung und Bestätigung für diesen hartnäckigen Weg?

„Ja. Das kann man ohne weiteres sagen. Wir, und da meine ich zunächst einmal die NOe-Community haben sehr intensiv gearbeitet um gegen dieses internationale und nationale Konkurrenzfeld bestehen zu können.
Und auch für mich persönlich ist eine unglaubliche Genugtuung, nicht zuletzt auch deswegen weil ich auch in der österreichischen Politik großen Anfeindungen ausgesetzt war.
Ich habe einfach daran geglaubt, dass der Standort in Klosterneuburg ein optimaler ist, auch im Hinblick auf die internationale Attraktivität. Es muss gelingen, mit diesen höchst qualifizierten wissenschaftlichen Einrichtungen im ISTA, wissenschaftliche Arbeit auf höchstem Niveau liefern zu können aber gleichzeitig auch so attraktiv zu werden, dass wir viele Wissenschafter aus der ganzen Welt hier bündeln können.
Damit soll vor allem die geistige Kapazität NOe auf dem Weg in die Zukunft auch in der Heimat entsprechend verankert werden und sich entfalten...“

... was einmal rein bei den Zahlen gelungen scheint...
„... das IST mittlerweile gelungen. Wir haben unglaubliche 9.000 Forscher in NOe und über 50.000 Menschen, die sich der akademischen Ausbildung hingeben.
Das ist deswegen für uns etwas besonderes, weil es ja noch nicht allzu lange her ist, das jemand für eine akademische Ausbildung abwandern musste.
Ich selbst bin ein Betroffener davon. Ich habe an der Uni für Bodenkultur (Anm. Wien) studiert und musste zunächst einmal meine NOe-Heimat verlassen. Mir hat das damals emotionell sehr viel gekostet und bedeutet.“

Zweiter Leuchtturm Med Austron. 2011 haben die Bauarbeiten begonnen, diesen Herbst beginnt die erste Patiententätigkeit. Med Austron wäre 2009 fast den Sparmassnahmen der damaligen Bundesregierung unter BK Faymann (SPÖ) und Wissenschaftsminister Hahn (ÖVP) zum Opfer gefallen.
Es heißt, Sie mussten auch dem Bundeskanzler sehr deutlich vermitteln, dass er die NOe-Interessen zu berücksichtigen hat?

„Es war nicht nur ein hartes Stück den Bundeskanzler zu überzeugen, sondern auch den Wissenschaftsminister. Da hat es eine Reihe von sehr handfesten Telefonaten gegeben.
Der Groschen ist gefallen, als von Seiten CERN (Anm. größter Forschungsreaktor weltweit in Genf/Schweiz) klar gemacht wurde, wir - stehen - weiter - zu - diesem –Projekt.
Ich kann eigentlich im Blick zurück niemandem einen Vorwurf machen. Jemand, der einen Schritt in eine ungewisse Zukunft tut, hat viele Fragezeichen um sich.
Das war nicht nur bei mir so, das war auch beim Bundeskanzler so, das war beim Wissenschaftsminister so.
Gerade bei einem, ich nenne es bewusst historischen Schritt in eine vollkommen neue Zukunft, gibt es immer auch viele Zweifler und Gegner.
Entscheidend war: wenn wir tatsächlich den Wissenschaftsstandort NOe deutlich sichtbar weit über die Grenzen des Landes hinaus verankern wollen, dann muss es auch finanziell und organisatorisch möglich sein entsprechendes Risiko einzugehen....“

... und, hat sich das Risiko gelohnt?
„Wir haben „ins Schwarze“ getroffen. Mittlerweile stellen sich große internationale Staaten an, die MedAustron in ihrem Bereich kopieren wollen.
Wir sind diesbezüglich sehr offen, weil ich überzeugt bin, dass gerade der Kampf gegen die Geisel Krebs eine internationale Phalanx braucht um tatsächlich gewonnen werden zu können“.

Herr Landeshauptmann, Sie stammen aus dem Weinviertel, Ihre Eltern waren Weinbauern, sie selbst sind promovierter Agrarökonom. Vor 35 Jahren Eintritt in die NOe-Landesregierung, nächstes Jahr 25 Jahre Landeshauptmann.
Was waren einmal nur im Bereich Forschung, Technologie und Innovation die prägendsten Erfahrungen auf diesem langen Weg als Chef des Unternehmens Niederösterreich?

„Die wichtigste Erfahrung, die ich gerne auch am Weg in die Zukunft weiter gebe, ist: Man muss mutig sein. In der Politik spricht sich das relativ einfach aus, es ist allerdings mit einem hohen Maß an Risiko verbunden.
Jeder Schritt in der Politik kann auch einen Absturz bedeuten. Aber: Wenn man auf diesem Weg relativ geerdet ist und sensibel ist für das Machbare, dann glaube ich, ist man auf einem Weg Risiko minimieren zu können.
Ein ganz entscheidender Punkt war die Gründung der Donau Universität. Die Donau-Universität hat sich zu einem Nukleus entwickelt, sie hat uns Mut gemacht, tatsächlich in den wissenschaftlichen Bereich hinein zu gehen und Niederösterreich zu einer Wissenschaftsregion zu machen.
Der nächste Schritt war, dass wir eine Wissenschaftsachse entwickelt haben, von Krems über Tulln, über Klosterneuburg bis Wiener Neustadt, Wieselburg.
Dort wo lebendige Wissenschaftsarbeit geleistet wird, wird unglaublich viel Kraft ausgesendet zur Entwicklung der Region und für junge Generation sich hier zu engagieren...“

... das gilt bei ISTA und MedAustron auch im internationalen Kontext...
„... das ISTA war nicht nur eine nationale Herausforderung, da hat’s auch große internationale Konkurrenz gegeben. Ich bin sehr froh darüber, dass die beiden angesprochenen Evaluierungen uns bescheinigen, dass wir auf einem guten Weg sind und auch keinen internationalen Vergleich scheuen müssen.
Wir haben mittlerweile einen Nobelpreisträger und zwei Wittgenstein-Preisträger (Anm. höchste wissenschaftliche Auszeichnung Österreichs) im Board. Das alleine ist schon Beweis dafür, dass wir offensichtlich ein hohes Niveau haben.
Und zu MedAustron: wahrscheinlich können wir heute noch gar nicht abschätzen, was das für die Menschheit bringen kann. Zudem wird das neue Krankenhaus in unmittelbarer Nähe des MedAustron kommen.
Das bedeutet auch einen Nukleus für den internationalen Tourismus weil wir davon ausgehen, dass wir mit MedAustron auch international versorgen werden.
Alles in allem bin ich im Blick zurück glücklich, dass wir bei all dem was wir investiert haben, nichts nennenswertes in den Sand setzen mussten und durch sensible Abschätzung und bodenständiges Arbeiten eine gute Grundlage gelegt haben, auf der wir weiter aufbauen können“.

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„I just believed in it“

By comparing long term strategies for business-regions all over Austria, Lower Austria takes undisputed the first place. The country early was initiative and continously in its development.

Economy talks to the governor Erwin Pröll about decisive factors for the region, persistance to eliminate adverse circumstances and about the Weinviertel as a fountain for force and innovation.

Economy: State governor Dr. Erwin Pröll, if we compare the political activities of Lower Austria as a business-location, the country has started very early with specific and varied activities in research and science.
Erwin Pröll: The challenge in recent decades has been to turn a country with an old industrial base into a high-tech region equipped for the future. It needs a lot of investments to become high-tech and even internationally recognised.
That was the basic idea for developing the Industrial Center IZ-south. We added regional innovation centres over a wide area too and more importantly, business and industrial estate across boundaries. This Europe will grow back together one day.

We have taken a long-term look at your progress with innovation, technology and research.
Which specific experiences are worth mentioning here?

First, there is a need to invest in high-tech areas and of course hat includes some risk factors. When there is a new phase of development, you need to know that some investments can get lost in the process. We have brought this risk on ourselves.
It was important for us to address the conflict between being a highly developed region and a region of life-quality too - and then to solve that conflict. On its path to the future, Lower Austria needs to move out of being the land of the piping hot chimneys to being the land of piping hot minds.
The hope is, by investing in brainpower, we will create additional work places and above all, ensure quality of life and incomes for individuals.
A big chance is a very good functioning und fast-working government as an essential competitive factor in the competitive environment between the areas.


Catch-words: innovation and research. I would like to pick up two ideas out of a wealth of choices. One of them is the Institut of Science & Technology (ISTA), the other is MedAustron. The ISTA in Klosterneuburg has pulled through some of the most embittered resistance from the research community and in part from politics too. Yet, the second international evaluation was overall positive.
Late reparation and reassurance for this obstinate treatment?

Yes. You can say that. We, and by this I mean the community of Lower Austria, have worked very hard to be able to stand up against national and international competition. It gives me personally an unbelievable satisfaction. I had to fight with a lot of hostility even within Austrian politics.
I simply believed that the location in Klosterneuburg would be the right one, including its international appeal. We have to deliver a high standard of scientific work with these highly qualified scientific establishments within the ISTA and at the same time we have to be attractive to adress a legion of scientists all over the world to come here. Lower Austria spiritual capacity needs to be harnessed on the way into the future and to be moored within the country and to unfold...

... which, judging purely by the figures, seems to be a success...
... that HAS happened in the meanwhile. We have unbelievable 9,000 researchers in Lower Austria and over 50,000 people involved in high ecucation and academic development.
This is something special to us. Not a long time ago, someone, who wants to be able to gain these academic qualifications, had to move away. I am one of the people who was affected. I studied at the University for Natural Resources (in Vienna) and had to leave my home in Lower Austria. At that time, it took its toll and had a significant emotional impact on me.

The second positive lighthouse is MedAustron. In 2011, construction began on the building and this autumn it will be open to its first patients. MedAustron nearly succumbed in 2009 to the steep savings plans under the Federal Government at the time with BK Faymann (SPÖ) and science minister Hahn (ÖVP).
It’s called that you had to talk very clearly to the Chancellor that he needed to respect the interests of Lower Austria?

It was not only difficult to convince the Federal Chancellor, but also the science minister. There was a series of very meaningful phone calls. At last they got the point when CERN (the biggest research reactor in the world in Genf/Swiss) was taken aside and instructed that we - will - continue - to - stand - by - this - project.
Thinking back, I cannot really blame anyone. Someone who takes a step into an uncertain future will be surrounded by question marks. It wasn’t like that just with me, but also with the Chancellor and the science minister.
Especially with what I will call a historical step into a completely unknown future, there are always doubters and opponents. What was decisive was, if we were going to harness the science site clearly and beyond all borders, it must be possible to act risky in finance and organisation...

... and was the risk worth it?
We are now in the “black.” Meanwhile, large international states want to copy the MedAustron in their region. We are very open about this, because I am convinced that the current battle against the hostage of cancer needs an international phalanx in order to actually win.

Mister state governor, you grow up at the Weinviertel (a wine-region in Lower Austria), your parents were winegrowers, you received a doctorate as an agricultural economist. You entered the state government in Lower Austria 35 years ago and next year you have been state governor for 25 years.
Which are the highlights of your experiences in science, technology and innovation sectors on your long walk as the boss of the company Lower Austria?

The most important experience I would like to share on my way to the future is: “You have to be brave.” In politics it is easy to say so but there is a very high risk factor involved. Every step in politics could be a downfall. However: Being relatively well grounded on this path and sensitive to the things that can be done is the way to reduce risk.
A very decisive point was the founding of the Donau University. The Donau University in Krems has evolved into a main focus. It has given us courage especially to enter the scientific area and to turn Lower Austria into a science region.
The next step was developing a science axis from Krems over Tulln via Klosterneuburg to Wiener Neustadt and Wieselburg. In a place highly involved in scientific work, there is an unbelievable amount of energy radiating out which helps to develope the region and to adress and involve the young generation.

For ISTA and MedAustron this also means in the international context.
The ISTA was not only a national challenge, there was also a lot of international competition. I am very happy that the two evaluations confirmed, that we are on a very good path and we do not need to steer clear of any international comparisons.
In the meanwhile we have a Nobel Prize winner on board and two Wittgenstein winners (Note: The most prodigious science award in Austria). That is enough proof that we obviously have a high standard.
And about MedAustron - perhaps we cannot even imagine the immense value this has for humanity. The new hospital will be added near MedAustron. That represents a nucleus for international tourism because we are expecting to welcome an international audience too.
All in all, I am happy with what has been. Everything we have invested has paid off and we did not waste only one considerable project. Sensitive evaluation and working from the ground up has laid good foundations on which we can continue to build up the country.

Links

red/czaak, Economy Ausgabe Webartikel, 25.10.2016