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28. Juli 2016

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Der Teufel schreibt Musikgeschichte

Der Teufel schreibt MusikgeschichteEPA

Er zieht sich als spannungsgeladenes Intervall durch die Musikgeschichte: Der Tritonus, die übermäßige Quarte, gilt aufgrund der geheimnisvollen Disharmonie von drei Ganztonschritten als „Teufel in der Musik“ – und lässt sich vorzüglich für Schauerdramatik einsetzen.

Diabolus in musica nannte man das Tritonus-Intervall im Mittelalter – den Teufel in der Musik. Aufgrund seines spannungsgeladenen Klangs, der stark nach einer Auflösung verlangt, wurde der Tritonus als „schwierig“ oder gar „gefährlich“ angesehen.
Ein Grund dafür ist, dass sich das Tritonus-Intervall nicht mit einer ganzzahligen Proportion beschreiben lässt. Vielmehr beträgt das Intervallverhältnis eines gleichstufigen Tritonus eins zu Quadratwurzel aus zwei, wodurch es genau eine Oktave halbiert. Aufgrund dieses Zahlenverhältnisses, das in der Kompositionslehre schwer darstellbar war, galt das Intervall als „teuflisch“. Und interessanterweise klingt ein Tritonus auch außergewöhnlich spannungsgeladen, um nicht zu sagen furchterregend. Aufgrund der frühen symbolischen Assoziation als Diabolus in musica wurde das Intervall vor allem in der westlichen Musik zur Kreation eines „bösen“ oder furchterregenden Sounds verwendet. Im Mittelalter reagierte die Kirche teilweise empfindlich auf Musik, die den Tritonus enthielt, oder auf Sänger, die das Intervall benutzten.

Aufgelöste Spannung
Dies änderte sich etwas im Barock und später in der Klassik, als der Tritonus vor allem zum Spannungsaufbau mit dem Ziel der harmonischen Auflösung dieser Spannung verwendet wurde. Verwendung fand er unter anderem bei Johann Sebastian Bach (Matthäuspassion), bei Ludwig van Beethoven (Fidelio) sowie Franz Liszt, Antonio Vivaldi, Frédéric Chopin, Modest Mussorgski und Richard Wagner.
Der Tritonus wurde von den Komponisten fast ausschließlich zur Darstellung dramatischer und/oder bedrohlicher Situationen benutzt, so etwa für Jesu Begegnung mit einem Aussätzigen in der Matthäuspassion, in der Kerkerszene der Oper Fidelio, in Liszts Dante-Sinfonie zur Beschreibung der Hölle, in Camille Saint-Saëns Danse macabre, wo der Teufel seine Violine in einem Tritonus-Intervall stimmt. In Modest Mussorgskis Bilder einer Ausstellung wird der Tritonus im Abschnitt „Hütte der Baba Yaga“ verwendet, um die unheimlichen Lockrufe der Hexe zu symbolisieren. Wagner benutzte den Tritonus häufig in der Götterdämmerung, unter anderem in der Pagan-Szene, wo die Musik beinahe die Charakteristik einer schwarzen Messe annimmt.
Die Verwendung des Teufels­intervalls zieht sich weiter bis in die moderne Jazz-, Pop- und Rockmusik. Die beiden prominentesten Beispiele für die Nutzung des Intervalls in der Populärmusik sind das eindringliche Intro des Songs Purple Haze von Jimi Hendrix und das Grundthema des Songs Black Sabbath der gleichnamigen Rockband aus dem Jahr 1969.
Doch nicht nur in Rockklassikern lässt sich der Tritonus entdecken: So wurde der Intervall in zahlreichen Filmmusiken, vornehmlich in Thrillern und Horrorfilmen, verwendet, zum Beispiel für Jurassic Park und auch in Teilen der Star Trek-Serie. Im Splattermovie Evil Dead II kommt das Tritonus-Motiv des Danse macabre am Ende zur Verwendung.

Filmmusik und Sirenen
Doch auch in Spaß-Serien wird der Tritonus verwendet, etwa im Abspann der Muppet Show sowie in den Titelmelodien zu den Simpsons und South Park.
In den 1950er Jahren baute das Sirenensignal des New Yorker Zivilschutzes der Firma HOR auf dem Tritonus auf, sozusagen als Erbe des Zweiten Weltkriegs. Das beunruhigende Sirenengeräusch wird heute allerdings nicht mehr verwendet. Die Begrüßungsmelodie beim Einschalten des Apple Macintosh der Serie II war im Übrigen auch ein Tritonus.
Der Filmkomponist Mark Wilkinson hat den Tritonus in der Musik zu dem Horrorfilm Blood on Satan’s Claw (deutscher Titel: „In den Krallen des Hexenjägers“) aus dem Jahr 1971 verwendet. „Der Teufelsintervall hört sich einfach gemein und fies an, es ist eine unangenehme Tonfolge, die danach schreit, harmonisch aufgelöst zu werden. Den Tritonus zu spielen ist wie auf einem Bein zu stehen, während man aber weitergehen möchte“, so Wilkinson.
Von Giuseppe Tartini, einem Geigenvirtuosen aus dem 18. Jahrhundert, und seiner Devil’s Trill Sonata bis zur Hardrockformation Slayer und ihrem Album Diabolus in Musica ist es ein weiter Schritt, doch der Tritonus zeigt sich überraschend beständig.

Economy Ausgabe 84-05-2010, 28.05.2010