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22. November 2017

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Das Wissen, das Sein und das Nichts

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Über die Grenzen des Wissens wird seit Jahrhunderten in der abendländischen Philosophie nachgegrübelt. Die Lösung dieser Frage versickert irgendwo zwischen Quantenphysik und Transzendenz, und wir wissen noch immer nicht, warum wir sind und was die Wirklichkeit tatsächlich ist.

Die stärksten Supercomputer dieser Welt können rechnen wie nie zuvor und alle möglichen irdischen und kosmischen Simulationen darstellen ‑— doch sie wissen auch keine Frage auf die wesentlichen Problemstellungen der Menschheit: Woher kommen wir, wohin gehen wir, gibt es Gott und was liegt hinter dem Universum?
Dem Wissen der Menschheit sind Grenzen gesetzt, Grenzen, die sich weder mit Berechnungen der Physik, mit Erwägungen der Philosophie oder mit der Logik der Mathematik überschreiten lassen.
Die Problematik der Grenzen des Wissens geht ins 19. Jahrhundert zurück. In seiner Rede „Über die Grenzen des Naturerkennens“ (1872) hatte der Physiker und Mediziner Emil Heinrich Du Bois-Reymond die Behauptung aufgestellt, dass weder die metaphysische Frage nach dem „Wesen“ von Materie und Kraft noch der Begriff „Bewusstsein“ wissenschaftlich vollständig geklärt wer­den kann. Seine Thesen lösten einen wissenschaftlichen Grundlagenstreit aus, den „Ignora­bimusstreit“. Du Bois-Reymond nannte die Elementarbegriffe der Mechanik, Materie und Kraft, bezeichnete jedoch die Frage nach dem Bewusstsein als „Rätsel“ und verhängte über sie den Bann­spruch „Ignoramus et Ignorabimus“ („Wir wissen nicht und werden nicht wissen“).

Das Welträtsel
Diese Darstellung wurde als Welträtsel-Diskussion in allerhöchsten Philosophen- und Physikerkreisen hernach eifrigst diskutiert, etwa von Ernst Mach oder von Kurt Gödel. Mit der Quantentheorie von Nils Bohr wurde die Wissensdiskussion allerdings gehörig erweitert. Die Quantentheorie bricht radikal mit Prinzipien, die bis dahin für die Physik galten. Die Physik, die seit jeher das Ziel einer möglichst vollständigen Erklärung, Objektivierung und Angabe von Ursachen unabhängig von unserem Eingriff ins Geschehen verfolgte, muss sich im Rahmen der Quantenmechanik „mit einer unvollständigen Erklärung des Systemverhaltens“ zufrieden geben.
Was über die Grenzen der Physik hinaus geht, wird mit dem Begriff der Metaphysik beschrieben. Ihr werden alle Menschheitsfragen zugeordnet, die mit Logik, Empirie und praktischem Wissen nicht mehr erklärbar sind.
Die klassische Metaphysik behandelt „letzte Fragen“ wie etwa: Gibt es einen letzten Sinn, warum die Welt überhaupt existiert? Gibt es einen Gott oder Götter und wenn ja, was können wir darüber wissen? Gibt es einen grundlegenden Unterschied zwischen Geist und Materie? Besitzt der Mensch eine unsterbliche Seele? Verändert sich alles oder gibt es auch Dinge und Zusammenhänge, die bei allem Wechsel der Erscheinungen immer gleich bleiben?
Martin Heidegger stellte die Grundfragen, die die Grenzen des Wissens bloßlegen: „Warum ist überhaupt Seiendes und nicht vielmehr Nichts?“ und „Was ist die Wirklichkeit des Wirklichen?“
Die Fragen der Metaphysik umfassen also die Bereiche Sein und Nichts, Werden und Vergehen, Wirklichkeit und Möglichkeit, Freiheit und Notwendigkeit, Geist und Natur, Seele und Materie, Zeitlichkeit und Ewigkeit. Lauter Dinge, für die sich keine befriedigenden Antworten finden lassen, die jenseits der Grenzen des Wissens liegen, die sich nicht im klassischen Sinne erforschen lassen.

Unsinn als Folgerung
Ludwig Wittgenstein fand, es sei die Sprache, die der Erkenntnis entgegenstehe. Er führte einen „Kampf gegen die Verhexung des Verstandes durch die Mittel unserer Sprache“. Wenn alles durch die Sprache ausgedrückt sei, dann werde es am Ende als unsinnig erkannt.
Ein zentrales Problem, das die Grenzen des Wissens sprengt, ist die Suche nach dem Gottesbeweis. Die Suche an sich ist schon eine Wissenserweiterung, denn sie steht im krassen Widerspruch zu jeder Form eines religiösen Irrationalismus, der jede rationale Diskussion über Gott ablehnt. Philosophen von Aristoteles bis Kant, von Thomas von Aquin bis David Hume haben sich am Gottesbeweis oder Nicht-Beweis abgemüht. Letzten Endes versandet diese Philosophie aber in wenig schlüssigen Postulaten aus den Bereichen der Moral, Kausalität, der Teleologie und der Transzendenz.

Economy Ausgabe 86-08-2010, 27.08.2010