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22. November 2017

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Voodoo-Rituale als neue Therapieform

Voodoo-Rituale als neue Therapieform © Yvonne Schaffler

Voodoo-Rituale sind mehr als nur Show. Sie erfüllen wichtige soziale und therapeutische Funktionen, wie ein aktuelles Projekt des Wissenschaftsfonds FWF belegt. Die Kultur- und Sozialanthropologin Yvonne Schaffler erforschte dabei Praktiken von Besessenheit in der Karibik.

Voodoo bedeutet Gott oder Geist. Im dominikanischen Voodoo spricht man von "misterios". Besessenheit durch derartige Wesen ist die Essenz der Voodoo-Religion. Angeheizt durch Hollywood-Klischees werden damit geheimnisvolle Riten und schaurige Geschichten verbunden. Doch das Konzept, von Geistern besessen zu sein, gibt es in vielen Religionen und Varianten bis heute. Nur der Umgang damit ist unterschiedlich. Während christliche oder muslimische Geistliche besitzergreifende Geister verbannen wollen, geht es im Voodoo um deren Akzeptanz und die Integration in das Leben.
"Viele Voodoo-Zentren erinnern etwa an katholische Kapellen: Zahlreiche Heiligenbilder, Blumen, Kerzen und andere Devotionalien formieren sich zu kleinen Altären. Oft sind diese allerdings in Privaträumen untergebracht", erzählt Yvonne Schaffler von ihrer Feldforschung in der Dominikanischen Republik. Dort hat die Kultur- und Sozialanthropologin mit einem vom FWF vergebenen Hertha-Firnberg-Stipendium über mehrere Jahre den Prozess der Sozialisierung von Besessenheit erforscht.

Soziale Funktionen
Besessenheit ist ein zeitlich begrenzter Trancezustand, wo Personen fühlen, dass externe Mächte wie Ahnen oder Gottheiten ihre Körper kontrollieren. Das kann bereits im Kindesalter auftreten. Danach können sich die "Besessenen" oft nicht erinnern, was sie während der Trance (Dissoziation) gesagt oder getan haben. In mehr als 100 gefilmten Episoden hat Schaffler diese Erlebnisse, deren Abläufe und Riten dokumentiert.
Zudem hat sie die Lebensgeschichten von 19 Personen erfasst, die entweder als Voodoo-Praktizierende tätig sind oder ungewollt Besessenheit erleben. Die Praktizierenden erfüllen dabei wichtige soziale Funktionen, sie haben als "Heiler" besondere Stellungen inne und bieten in spirituellen Zentren Dienstleistungen wie etwa Beratungssitzungen im Zustand von Besessenheit an. "Diese Position ermöglicht ihnen ein Zugewinn an (ökonomischer) Autonomie, an Status und sozialer Absicherung", erklärt Schaffler.

Stress und Trauma
Die Gruppe der unfreiwillig Besessen empfindet die tranceartigen Zustände allerdings als Stress, da die Geister sie spontan und gegen ihren Willen kontaktieren. Oft drückt sich ihr Empfinden in desorganisiertem oder aggressivem Verhalten aus. "Betroffene haben oft leidvolle Erfahrungen hinter sich, wie etwa häusliche Gewalt, Verlust von Bezugspersonen oder Diskriminierung", berichtet die Wissenschafterin. Zudem zeigte sich, dass diese Personen auch zu körperlichen Symptomen wie Schlaflosigkeit oder Kopfschmerzen neigen.
Auch traumatische Erfahrungen sind öfters Teil der Biografie der ungewollt Besessenen. Diesem Aspekt, der Verbindung von Besessenheit und Trauma, widmet sich die Forschung erst seit kurzem. Bis dato gibt es dazu vor allem Studien aus Bürgerkriegsgebieten in Afrika, die diesen Zusammenhang sichtbar machen. Schafflers Daten bestätigen diese Ergebnisse und liefern wichtige Erkenntnisse für die Erforschung von Trauma und Dissoziation.

Bewältigungsstrategie
Auch aus therapeutischer Sicht ist der Umgang mit unfreiwillig Besessenen potenziell interessant. So hat Schaffler festgestellt, dass ein feindlich gesinntes soziales Umfeld und Versuche, die "Dämonen" rituell austreiben zu wollen, Leid und Stress der Betroffenen verstärken. Ein sogenannter Initiationsprozess hingegen kann als Bewältigungsstrategie dienen. Dabei werden wiederholt und unter professioneller Anleitung Zustände von Besessenheit eingeübt. "Dadurch wird zuvor unkontrollierte Trance strukturiert und kontrollierbar", so Schaffler. Sowohl der individuelle Lebensverlauf als auch das soziale Umfeld prägen also die Wahrnehmung von oft nur schwer oder gar nicht beschreibbaren persönlichen Erfahrungen und Verhaltensweisen.
Ähnlich wie in der Therapieform des "Psychodrama", bei dem die Klienten in Form einer Art psychodramatischer "Aufführung" ihr Thema bearbeiten, werden im Voodoo-Kult körperliche Erfahrungen immer wieder durchlebt und dadurch aufgearbeitet. Besessenheit wird vermutlich auch deshalb in Afrika oder der Karibik nicht grundsätzlich als etwas gesehen, das verhindert werden muss. Sie ist vielmehr als Form des Kontakts zu den Geistern erwünscht und eröffnet verbesserte Möglichkeiten des Selbstausdrucks. Voodoo-Rituale konzentrieren sich grundsätzlich auf positive Energien und heilende Kräfte. "Man will mit den Geistern nicht auf schlechtem Fuß stehen", weiß die Forscherin.

Klienten in New York
Insbesondere in wirtschaftlich schwierigen Zeiten, wie sie die Dominikanische Republik aktuell erlebt, erfahren spirituelle Praktiken Aufwind. Rituale zur Heilung, zum Schutz oder anderer Anliegen sind denn auch kein Phänomen von Randgruppen. "Viele Praktizierende haben Klienten in New York", berichtet Schaffler. Auch New Orleans ist beispielsweise ein Hotspot des Voodoo-Kults.
Die populären Stoffpuppen gelten der Stadt als Schutzgeister. Die mit Nadeln bestückte Gruselpuppe, die einem Widersacher Schmerzen zufügen soll, ist eher die Ausnahme und vor allem ein Hollywood-Produkt. Es gibt in der Karibik zwar auch eine "schadensmagische" Ausrichtung. Man spricht dann davon, dass jemand "mit beiden Händen arbeitet", mit einer die heilt und mit einer die verhext. Diese Praxis wird aber alleine ausgeführt, an Orten fernab der Heimat.

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red/cc, Economy Ausgabe Webartikel, 28.09.2017