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28. Juli 2016

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In Zeiten von Pisa und fehlender Schulreform boomt ein teils im Schwarzmarkt angesiedelter Wirtschaftsbereich: die Nachhilfe. Die Preise steigen, Nachhilfeinstitute verzeichnen Rekordzuwächse.

„Mein Sohn ist ein schulischer Volltrottel. Seine Matura hat uns über die Jahre fast einen Kleinwagen gekostet.“ Dieser Ausspruch einer Mutter steht stellvertretend für das Leiden Zigtausender Eltern, die stattliche Summen in eine begehrte Dienstleistung namens Nachhilfe pumpen.
In Österreich, dies belegen Zahlen von Wirtschaftsexper- ten, leisten Eltern jährlich be- reits fast 140 Mio. Euro an polemisch „versteckte Schul- geldaufwendungen“ genannten Kosten. Eine stolze Summe, die nur die offizielle Spitze eines Eisbergs darstellt.
Die Dunkelziffer der Beträge, die jährlich in die Nachschulungsmaßnahmen des Nachwuchses gepumpt werden, liegt sicherlich weit höher. Schließlich boomen in dieser gewinnträchtigen Marktnische nicht nur renommierte Institute und Privatanbieter, sondern auch ein funktionierender Schwarz- markt, der seine Existenzbe- rechtigung in einer Grauzone aus dem „Stigma des Versagens“ bezieht. Viele Erziehungsberechtigte schämen sich nämlich und zahlen heimlich, um ihrem Kind die Erreichung des jeweiligen Klassenziels zu sichern.
Vor allem professionelle Institute haben den lukrativen Wirtschaftsfaktor Nachhilfe längst erkannt. So verweist ei- ner der heimischen Marktfüh- rer, das Lern-Quadrat, ganz offiziell auf seine langjährige Erfahrung und großen Erfolge und stellt an 50 Standorten in ganz Österreich bereits rund 1000 Lehrkräfte zur Verfü- gung, die sich ihr Engagement von über 10.000 ausgewiesenen Kunden bezahlen lassen. In drei Ländern – davon in Österreich in sechs Bundesländern – agiert das IFL (Institut für Nachhilfe), und die Aufzählung von Mitbewerbern ließe sich stundenlang weiterführen.
Die Web-Plattform www. nachhilfe.co.at und ähnliche Webseiten, die sich dem Thema Nachhilfe verschrieben haben, bieten sogar Notrufnummern und anonyme Anmeldungen an und verzeichnen einen ebenso regen Zulauf wie Internet-Foren, in denen Betroffene Erfahrungen, Tipps und rege Diskussionen austauschen können.
Das Thema bewegt, und die Kasse klingelt. Letzteres wieder stärker denn je, denn in Zeiten der Teuerung sind auch in die- sem Marktsegment die Preise gestiegen. So manche Eltern,
die dem Nachwuchs eine zweite Chance zur Erreichung des Lernziels bieten wollen, sind mittlerweile an ihrer finanziellen Schmerzgrenze angelangt.
„Die private Nachhilfe für die Nachprüfung meiner Tochter hat mich diesen Sommer zirka 400 Euro pro Monat gekostet“, meint ein Vater grimmig. Das Mädel hat sich zeitmäßig nicht völlig überfordert, denn der Stundensatz ist heftig. „Um zehn Euro pro Stunde arbeitet niemand“, stellt ein Linguistik- Magister, der sich mit Fremd- sprachenunterricht ein nettes Zubrot verdient, fest.

28 bis 46 Euro pro Stunde
Laut aktueller Erhebung der Arbeiterkammer kostet eine Stunde Nachhilfe im bundesweiten Schnitt rund 19 Euro. Die 28 von der AK geprüften Institute verlangen dabei in der Regel für Hauptfächer wie Deutsch, Fremdsprachen, Mathematik oder Rechnungswesen im Einzelunterricht 28 bis 46 Euro pro Lernstunde, die Preise für Ne- benfächer beginnen bei durchschnittlich 15 Euro.
Die 91 geprüften Privaten lie- gen bei vergleichbarer Qualifi- kation nur wenig darunter und haben dieses Jahr wie ihre großen Vorbilder und Mitbewerber nach einer kleinen Stagnation 2007 die Stundensätze wieder um rund 3,4 Prozent erhöht.
Doch die Kosten, die den Eltern in ihren Bemühungen um schulische Erfolge ihrer Kinder entstehen, verblassen etwas, wenn man im Gegenzug die Beträge betrachtet, die dem Staatshaushalt aus den jährlich rund 35.000 Repetenten entstehen. Hier schlagen nämlich für die Steuerzahler Mehrkosten von rund 300 Mio. Euro zu Buche. Das ist heftig, und darum wird der Ruf nach dem finnischen Modell eines Kurssystems ohne Klassenwiederholung lauter denn je.
Auch Förderprogramme im Rahmen des Schulunterrichts stehen zur Debatte und erzür- nen ebenso Landespolitiker. „Es ist unzumutbar, dass Eltern derart hohe Nachhilfekosten tragen müssen, damit ihre Kinder extern das lernen was eigentlich die Schule gewährleisten müsste“, stellte etwa Bettina Vollath, die steirische Bildungslandesrätin (SPÖ), vor Kurzem fest. Die Branche braucht sich nicht zu fürchten, denn eine umfas- sende Reform des Schulsystems erscheint unrealistisch. Und so bleibt Nachhilfe weiterhin ein einträgliches, heiß begehrtes Geschäft.

Ausgewählter Artikel aus dem Jahr 2008

Mario Koeppl, Economy Ausgabe 63-09-2008, 23.09.2015