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30. Mai 2016

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Beliebter Burgenfake

Beliebter Burgenfake© Bwag/Commons

Nicht alles, was nach Mittelalter aussieht, ist auch Mittelalter. Etwa die Burg Kreuzenstein bei Korneuburg.

Burg Kreuzenstein, ein weithin sichtbares, riesiges Bauwerk mit malerischem Blick auf die Donau, kann wohl als das Idealbild einer mittelalterlichen Burg gelten. Erbaut wurde die Burg aber erst Ende des 19. Jahrhunderts. Mit Unterstützung des Wissenschaftsfonds FWF liegt nun die Aufarbeitung ihrer Geschichte in Buchform vor.
Mit der Burg aus dem Bilderbuch hat sich der Bauherr, Graf Johann Nepomuk Wilczek, einen wohl kostspieligen Traum erfüllt. Das zwischen 1874 bis 1906 errichtete Gebäude war als Familienmausoleum und Privatmuseum geplant. errichtet. Bezüge zum Mittelalter gibt es dennoch; so steht das Gebäude auf dem Fundament einer mittelalterlichen Burg.Die Geschichtsforschung hat den Bau im Stile des Historismus lange links liegen gelassen. Beliebt war die Anlage dafür in der Bevölkerung. Und sie diente auch oft als imposante Filmkulisse.
Nun hat Andreas Nierhaus das Buch "Kreuzenstein – Die mittelalterliche Burg als Konstruktion der Moderne" vorgelegt. Der Kunsthistoriker Nierhaus hat die Geschichte der modernen Burg Kreuzenstein in einen größeren kunst- und kulturgeschichtlichen Kontext eingebettet und darüber hinaus ihre Bedeutung für die heutige populäre Mittelaltervorstellung aufgezeigt.

Sehnsucht nach Sicherheit
Die kunsthistorische Bedeutung der Burg liegt auch darin, dass ihr Erbauer, Graf Wilczek, ein eifriger Sammler von Bauteilen, sogenannten Spolien, von Kunstwerken und anderen Objekten aus dem Mittelalter war. „Es gibt im 19. Jahrhundert weltweit kein anderes Bauwerk, das aus so vielen Teilen anderer Bauten zusammengesetzt ist", erklärt Nierhaus. Für die Mittelalterrekonstruktion wurden keine Mühen und Kosten gescheut: Eine Orgelempore aus der Slowakei wurde etwa als Arkadengang eingesetzt, das Holz stammt von Tiroler Bauernhöfen, die Dachziegel vom berühmten Basler Münster.
Die bis heute anhaltende Faszination für Ritter, Rüstungen und Zinnen hat im 19. Jahrhundert ihren Ursprung. In einer von gesellschaftlichen Umbrüchen geprägten Epoche wünschte man sich klare Strukturen und Ordnung zurück. Kreuzenstein war auch von Anfang an ein beliebtes Ausflugsziel. Nicht nur die Wiener Bevölkerung, auch Staatsgäste wie Kaiser Wilhelm II oder US-Präsident Theodore Roosevelt bestaunten das Monument. Als Touristenattraktion ist die vermeintliche Ritterburg die historische Wurzel moderner Themenparks.

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red/stem, Economy Ausgabe 999999, 11.09.2015